Mittwoch, 4. Januar 2012

Ethischer und humanitärer Militärinterventionismus


R2P: Ethisch gerecht“fertigt“ weil „humanitär“?
Über die Kriegspolitik und deren Legitimationen im dritten Jahrtausend am Beispiel der Intervention in Libyen

„Humanitär“ klingt ethisch. Weil es ethisch klingt, scheint mit diesem Adjektiv schon das entsprechende Nomen gerechtfertigt. Ein Krieg wird humanitär. Bomben auf Städte werden humanitär. Auch „Intervention“ klingt ethisch. Man will helfen, nicht zuschauen. Also zwei ethische Vokabel. Also doppelt gut, und wer da noch dagegen ist, der ist ethisch nicht gut, heißt böse, weil nicht humanitär und zuschauend. Anti-interventionistisch zu sein wird für unethisch oder unmoralisch erklärt. Und damit nicht genug. „Responsibility to protect“, offiziell knackig abgekürzt mit R2P, heißt die neue Doktrin, mit der gegenwärtige und künftige Kriege im Stile der Libyen-Intervention legitimiert werden. Verantwortung klingt nochmals besser und in Kombination mit Schutz überhaupt. Die moralische Überlegenheit ist bei denen, die intervenieren wollen. Die Absichten zählen für die Tat und die Absichten sind gut, selbst wenn Städte bombardiert werden müssen, Tausende Menschen sterben und täglich Millionen in Rüstungsanstrengungen fließen. Solche „Kollateralschäden“ werden als „kleineres Übel“ in Kauf genommen.
Mein Nachdenken über das neue Zauberwort des internationalen Kriegsrechtes beginnt und endet mit jenem Ereignis, das in einem profil-Artikel Ende 2011 als „der perfekte Krieg“ bezeichnet worden ist – dem siebenmonatigen NATO-Einsatz in Libyen. Wird er bereits als Blaupause für künftige Militärinterventionen gesehen? Warum war die katholische Kirche mit ihrer Friedenslehre gegen diesen Krieg, wo er doch ethisch, weil humanitär und für bedrängte Menschen intervenierend, gewesen sein soll?
            Sarkozy, Cameron und Obama traten im März 2011 ihre militärische Intervention unter Billigung des UN-Sicherheitsrates und unter dem Vorwand der Humanität an. Man wollte die Zivilbevölkerung schützen. „Responsibility to Protect“, die Legitimationsformel für die neuen Kriege, musste nicht erst erfunden werden. Zum zweiten Mal wurde diese Formel aber nun tatsächlich angewandt, um die Koalition der Willigen in ihrem militärischen Drängen zu unterstützen. Erstmalig wurde die R2P-Formel vom Sicherheitsrat in der Bürgerkriegssituation in Kenya in den Jahren 2007-2008 verwendet, nachdem sie zuvor auf dem UN-Gipfel 2005 in einer Resolution als Grundlage für das Völkerrecht definiert worden war. Doch war es nun im Frühjahr 2011 der Schutz der Zivilbevölkerung, der zur Intervention führte, und war es humanitär, was dann geschah? Kann noch von „humanitär“ gesprochen werden, wenn die Zielsetzung dieses Krieges von Beginn an nicht nur – oder eigentlich gar nicht – der Schutz der Zivilbevölkerung war, wie es die UN-Resolution 1973 vorgesehen hatte, sondern ein Regimewechsel, wenn man klar Partei ergriffen hatte für eine Bürgerkriegspartei, wenn letztlich Grundlagen des Völkerrechts außer Kraft gesetzt wurden und vor allem angesichts von 50.000 Kriegstoten und weit mehr Kriegsinvaliden? Der Beifall für die NATO-Intervention erscheint angesichts solcher Begleitumstände mehr als fraglich.
Der NATO-Krieg in Libyen steht heute für eine Entwicklung, in der sich das Völkerrecht unter der Doktrin von R2P zu einem Instrument verwandelt, mit dem sich die militärisch potentesten Staaten ihre hegemoniale Politik legalisieren können. Seit die UN 1990 den USA und ihren Verbündeten das Recht einräumten, gegen den Irak mit „all necessary means“ vorzugehen, ist ein Bombenkrieg wieder salonfähig geworden. Die militärischen Intervenienten definieren für sich, was diese notwendigen Mittel sind, interpretieren die Resolutionen selbst, wie sie es für nötig finden, und alles wird möglich, alles scheint plötzlich legitim zu sein. Unter dem Vorwand der „Schutzpflicht“ – siehe Libyen – wird ein Regime weggebombt. Schon im Vorfeld der UN-Resolution wurde überlegt, ob sich selbst ohne eine Legitimierung durch die Vereinten Nationen eine „Koalition der Willligen“ bilden könnte, um militärisch auf Seiten der Rebellen gegen Gaddafi zu intervenieren. Hier wird sichtbar: Das Prinzip R2P wird über eine Legitimierung durch den UN-Sicherheitsrat gestellt und gibt den Weg frei, um selbst über einen Kriegsbeginn zu entscheiden, womit das generelle Gewaltverbot der UN-Charta ausgehebelt wird.
Die Mandatierung zur Anwendung militärischer Gewalt findet so eine permanente Ausweitung und führt zur Ausweichung des generellen Kriegsverbots. Mit dem „Krieg gegen den Terror“ werden längst schon – und nicht nur in Afghanistan – auf einer substaatlichen Ebene mit der Begründung des Selbstverteidigungsrechtes militärische Operationen auch gegen nicht-staatliche Einheiten auf fremdem Staatsgebiet geführt. Aus dem Responsibility to Protect wird beinahe automatisch eine Responsibility to Kill.
Waren die Kriege vergangener Jahrhunderte oft mit fragwürdigen Argumenten auch von Seiten der Kirchen mit der „bellum iustum“-Konstruktion legitimiert worden, so hat inzwischen ein radikaler politischer Wechsel eingesetzt. Die säkulare Variante des bellum iustum ist das mit gleichen Argumenten versehene Konstrukt der Responsibility to Protect. Faktum ist freilich, dass sich hinter der Rhetorik vom Schutz der Menschenrechte und der Pflicht zum Schutz der Zivilbevölkerung meist politisch-ökonomische Interessen verbergen. Dies zeigt die Selektivität der Interventionen: in Libyen wurde interveniert, während in Syrien – dessen Regime wochenlang mit roher Gewalt eine Demokratiebewegung niederhielt – nicht interveniert wurde. Was ist mit dem Schutzbedürfnis der Tibeter, mit den Menschen in Tschetschenien usw. usf.? Wer entscheidet wann und wie und wo interveniert wird und wie diese Intervention abläuft? Im Falle Libyens hat Obama jedenfalls demokratische Instanzen – wie den Kongress – schlichtweg übergangen. Die Entscheidungsmacht lag bei der NATO – eine Organisation letztlich, die vom Volk nicht abgewählt werden kann, deren Politik sich weitgehend demokratischer Kontrolle entzieht.
Die Anwendung der R2P-Doktrin hat im Falle Libyens ihre Grenzen und Schwächen gezeigt. Ihre Gefahr liegt erstens darin, dass eine bewaffnete Gruppe bewusst ein Blutvergießen provozieren könnte, um so R2P-Maßnahmen zu erzwingen. Zweitens stellen sich die Intervenienten auf eine Seite des Konflikts und verspielen damit die Chance auf Mediation zwischen den Konfliktparteien. Die Alternative läge für die internationale Gemeinschaft vielmehr darin, auf zivilgesellschaftliche Strukturen zu setzen und so friedliche Lösungen zu finden. Eine R2P könnte durchaus auch auf gewaltfreiem und zivilen Wege umgesetzt werden. Dies wäre wirklich ethisch und humanitär.

Dr. Klaus Heidegger,
Kommission für Sicherheit und Abrüstung von Pax Christi Österreich

Dienstag, 3. Januar 2012

Neutralität und Eurofighter


Ja zur Neutralität, Nein zu den Eurofightern: Zum Vorstoß von Günther Kräuter, Abfangjäger zu verkaufen

Es gibt viele Argumente gegen das Diktum, dass Österreich nur dann neutral sei, wenn es Eurofighter habe:

1)     Immerwährende Neutralität bedeutet vorrangig, sich nicht an Kriegen zu beteiligen, bedeutet ein Nein zu Krieg und Kriegsvorbereitungen. Eurofighter machen hingegen Österreich im Verbund mit der europäischen Sicherheitsarchitektur kriegsfähig. In diesem Sinne würde gerade die Neutralität unseres Landes die Rückgabe der Eurofighter nahe legen.

2)     Wohin würde die Logik führen, den heimischen Luftraum militärisch abzusichern? Dann müssten wir Patriot-Abwehrraketen an den Grenzen Österreichs stationieren, um militärisch sicher zu sein. In dieser Logik bräuchte Österreich einen militärischen Schutzschirm, den die bestgerüstetste Großmacht nicht bieten könnte. Ist Österreich nicht mehr neutral, wenn die Eurofighter unter bestimmten Wetterbedingungen nicht starten können? Der Konnex von sicherem Luftraum und Neutralität ist eine simple Erfindung der Kampfjet-Freaks, die selbst militärtechnischen Vorgaben nicht Stand hält.

3)     Der Verkauf der 15 österreichischen Eurofighter würde die anhaltende Vergeudung knapper Steuergelder für ein ökologisch äußerst bedenkliches und neutralitätspolitisch sinnloses Projekt zu Ende bringen. Pro Flugstunde werden 66.000 Euro verbrannt, das entspricht dem mittleren Jahreseinkommen eines Soldaten. Die Betriebskosten für die Eurofighter haben sich im Zeitraum bis 2013 verdoppelt und werden mit 100 Millionen Euro beziffert. Ein Eurofighter verbraucht pro Stunde durchschnittlich 3.500 Liter Flugkraftstoff und erzeugt dabei ca. 11.000 Kilogramm des für den Treibhauseffekt verantwortlichen Kohlendioxids.

4)     Die Sicherheit Österreichs liegt nicht in den Eurofightern, sondern der Blick auf die realen Bedrohungsbilder zeigt, dass zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeiten Österreichs den Handlungsspielraum und die Souveränität des Landes in Frage stellen. Selbst jene Länder mit einer x-fachen Menge an Kampfjets können sich damit nicht vor terroristischen Angriffen schützen. Weiterhin besteht jedoch für Österreich ein enormes Gefahrenpotenzial in den grenznahen Atomkraftwerken. Explodiert eines dieser Atomkraftwerke, schützt uns kein Kampfjet vor einer radioaktiven Verseuchung des „Luftraums“. Für solche Gefährdungen würden wir den Blick frei bekommen, wenn die sündteure Mär vom sicheren Luftraum durch Kampjets endlich an sein Ende kommt.
Eine Danke an den SP-Geschäftsführer für die Neubelebung der Diskussion.

Dr. Klaus Heidegger

Montag, 2. Januar 2012

Gewaltfreier Anbruch


Gewaltfreier Anbruch gegen gewaltträchtige Befangenheiten

Die gewaltfreie Botschaft des Christentums könnte ikonografisch nicht besser auf den Punkt gebracht werden als in den weihnachtlichen Legenden: Inmitten der gesteigerten Brutalität von römischer Besatzung, bluttriefender herodianischer Vasallenpolitik und gewaltsamer Guerillabewegung bricht göttliche Macht ein – oder besser gesagt – bricht göttliche Macht aus dem Bauch einer jungen Frau, geliebt und beschützt von ihrem sorgenden Mann, nicht in einem der Paläste, sondern unbehaust in der Fremde, nicht umringt von bewaffneter Leibgarde, sondern die Tradition dichtet uns Ochs und Esel dazu, selbst Tiere begreifen, was da an Rettung geschieht. So bricht wirklicher Friede an und mit ihm beginnt die als Pax Romana titulierte größte Macht der Antike zu zerbrechen. Noch einmal, so Matthäus, bäumt sich die Brutalität der königlichen Macht des Herodes mörderisch gegen den neuen König auf – der so anders ist, so klein und ohne Machtallüren, so gewaltfrei und doch so stark in seiner Gewaltfreiheit. In der Krippe wächst jener heran, der später die Occupy-Tempelvorhalle-Bewegung gründete, wo Finanzhaie und Spekulanten der Tempelaristokratie ihre Geldgeschäfte trieben und das Volk finanziell ausbluten ließen.
            Inmitten der gesteigerten Brutalität unserer Zeit, mit Blick auf die vielen Kriegen, im Bewusstsein der Zerstörung der Schöpfung, im Hindriften auf einen großen Finanzcrash und den Zusammenbruch einer auf Pump und Ausbeutung orientierten Wirtschaft, tut es so gut von Weihnachten zu träumen, vom Kind in der Krippe, will heißen, von der Geburt des Neuen inmitten der Wirren des Alten, von einer Änderung, die so klein begonnen hat, so klein, wie vielleicht das eigene Bemühen, schon jetzt an dieser anderen Welt, die möglich ist, zu arbeiten, täglich neu, und bestenfalls mit Menschen, die genauso auf dem Weg sein möchten, ohne Gewalt aber gegen jegliche Gewalt, ohne Hass aber bereit zur Versöhnung, nicht länger warten, sondern jetzt ist der Kairos. So kann Weihnachten beginnen, immer wieder neu, gegen alle Tiefschläge, so kann Weihnachten gelingen, um endlich einmal ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Die Utopie einer neuen Welt hat ihren Topos gefunden, dort, wo Könige ihr Knie beugen vor einem Kind in Windeln gewickelt, in die Mitte der Nächte hinein – unserer Nächte von unerfülltem Verlangen und privaten Schickssalsschlägen, von Hunger und Finanzkrise, von atomarer Katastrophe und Klimaveränderung. „Dein Reich komme...“ lautet die Hoffnung und nicht nihilistischer Zusammenbruch alles Bestehenden. Und Johannes schreibt, Gott habe die Welt so sehr geliebt, dass er seinen Sohn gesandt hat – und eine Frau gebar.

Klaus Heidegger

Samstag, 31. Dezember 2011

Neujahr als ökologischer Neubeginn?


Silvester – Neujahr 2012
Die Silvesterknallerei, mit der das Neue Jahr begonnen werden wird, ist Symptom einer Gesellschaft, die auch im Neuen Jahr wenig Sensibilität für die Umwelt aufbringen wird. Feuerwerkskörper sind Umweltbomben, bringen eine enorme Feinstaubbelastung mit sich, die die Grenzwerte weit übersteigen lassen. So soll in Graz in der Silvesternacht 2011 die Feinstaubbelastung 193 Gramm pro Kubikmeter betragen haben, wobei der Grenzwert bei 50 liegt. Jede fünfte in Österreich verkaufte Rakete enthält die krebserregende Substanz Hexachlorbenzol, die weltweit auf der Liste der zwölf verbotenen Giftstoffe steht. Das sind meine Gedanken, wenn ich in der Nacht die Raketen sehen und hören werde, an denen ich mich nicht „ergötzen“ werde.
Der Blick auf die Welt zum Jahreswechsel stimmt mich nicht hoffungsvoll – aus einer langen Liste seien nur fünf Punkte genannt.
·         Die Staaten dieser Welt und die herrschenden Wirtschaftssysteme setzen weiterhin auf eine ungebremste Ausbeutung der Ressourcen dieser Welt.
·         Damit verbunden sind Kriegsvorbereitungen, wie beispielsweise das gegenwärtige Säbelrasseln zwischen dem Iran und den USA zeigt.
·         Blicke ich auf die Straßen, erkenne ich kein bisschen ökologische Einsicht.
·         In Österreich nimmt die rechtspopulistische Strache-FPÖ Anlauf, stimmenstärkste Partei zu werden.
·         In meiner Kirche halten sich jene Kräfte an der Macht, die für längst notwendige Veränderungen nicht bereit sind.
Freilich gibt es auch hoffnungsvolle Ansätze: Ich denke an die Occupy-Bewegung oder die kritischen Initiativen in der Kirche, wie die Pfarrer-Initiative, die Laieninitiative oder die Kirchenvolksbewegung. Auch wenn meine Bewegung, in der ich noch aktiv bin, Pax Christi, fast schon unbedeutend klein ist, so gibt sie mir einen Ansatzpunkt, nicht allein für eine bessere Welt zu kämpfen. Ich bin so dankbar für jeden Menschen, der für mich Hoffnung und wirklichen Neubeginn verkörpert.
Mir selbst wünsche ich für das Neue Jahr, dass ich weniger faule Kompromisse eingehen werde. Dafür bin ich zu alt. Ich möchte nicht weniger radikal sein, sondern radikaler werden, auch wenn dies bedeutet, immer wieder anzuecken bei Menschen, die sich dadurch infrage gestellt fühlen oder nicht begreifen, welche inhaltlichen Überlegungen damit verbunden sind. Ich hoffe, dass es im Neuen Jahr für mich immer wieder Menschen gibt, die in diesem Sinne auf einer politisch-ökologischen und radikal-christlichen Wellenlänge mit mir sind. Allein ist es oft so schwer.
Im neuen Bulletin der religiös-sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz lese ich im Editorial Gedanken von Johannes Bardill, die meinen politischen Gedanken und Gefühlen zum Jahreswechsel entsprechen:
„Wenn ein voll besetzter, schwerer Reisebus auf eine schmale Bergstraße gerät, wo ein Schild darauf hinweist, dass das Maximalgewicht für Fahrzeuge auf 2,5 Tonnen beschränkt ist, müssen die Passagiere den Chauffeur darauf aufmerksam machen, dass die Weiterfahrt auf dieser Straße gefährlich ist und dass er wenden und einen anderen Weg wählen soll. Diese Pflicht haben die Fahrgäste selbst dann, wenn sie ortsunkundig sind und einen besseren Weg nicht kennen. Wenn der Chauffeur darauf hinweist, dass er der einzige sei, der sich in dieser Gegend auskenne und der einen Bus lenken könne und unverdrossen weiter fährt, ist es an der Zeit, die Notbremse zu ziehen. Vielleicht muss die Reise mit kleinem Gepäck zu Fuß fortgesetzt werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Zustand unserer Welt. Es ist Zeit, sich zu ermutigen. Von wachen Laien gestoppt, ist besser, als von verantwortungslosen Experten in den Abgrund chauffiert zu werden.“


Montag, 26. Dezember 2011

Christtag2011

25.12.2011
Christtag. Ein Tag um Maß zu nehmen an Christus, an diesem Mann Jesus von Nazareth, dem jüdischen Propheten mit seiner verkündeten und gelebten Botschaft von Gewaltverzicht, an seinem Beispiel eines Lebens der radikalen Geschwisterlichkeit, der materiellen Bescheidenheit. Man wünscht sich „besinnliche“ Weihnachten. Besinnt man sich auf die Wurzel des Christfestes – wird also radikal im Wortsinne?
Viele so wichtige Impulse werden in dieser Weihnachtszeit in den Predigten in den Kirchen, in Zeitungsartikeln und Ansprachen vermittelt. Man besinnt sich der Notwendigkeit, aufeinander zuzugehen, besinnt sich der Mildtätigkeit, nimmt die Armen in unserer Gesellschaft in den Blick. In der Weihnachtsausgabe der Tiroler Tageszeitung wird zurecht Georg Sporschill als leuchtendes Beispiel vorgestellt, weil sich in seinem Engagement verdichtet, was zentraler Inhalt der Weihnachtsbotschaft ist: die Ärmsten der Armen in den Mittelpunkt zu stellen. Good News – euangelien des Jahres 2011 – von der Emmausgemeinschaft in Innsbruck bis zur mediengerechten Hilfeleistung des Bau-Tycoons Haselsteiner für bulgarische Straßenkinder füllen die Seiten der Weihnachtsausgaben der Printmedien. Selbst die Innenstadtkaufleute finanzierten die Teestubenöffnung für die Obdachlosen an diesem Tag. Im Kurier erstreckt sich ein Zweiseitenbericht über den Sandlerpfarrer aus Graz. Die Krone bringt als Aufmacher einen Appell von Kardinal Schönborn an die Regierung: „Bitte nicht bei Ärmsten sparen!“
Schön und richtig, was willst du mehr, oder doch nicht ganz zufrieden? Keinesfalls seien diese vielfältigen Engagements herabgewürdigt, doch fehlen mir die systemkritischen Aspekte der Weihnachtsbotschaft. Mildtätigkeit im herrschenden kapitalistischen System wird letztlich zu kurz greifen, der doch nur stets neue Wunden schlägt. Was die Innenstadtkaufleute den Obdachlosen schenkten, sind letztlich Brosamen vom Tisch der Reichen. Diesen strukturell-politischen Blickwinkel als Konsequenz der Friedensbotschaft vermisse ich. Er taucht oft nur am Rande auf, obwohl er aus meiner Sicht zur Mitte gehört. Da wurde ja nicht ein Mensch geboren, der als fürsorglicher Familienvater lebte, sondern der Messias, der Sohn des Davids, der politische Befreier, und die Ausgestoßenen von damals, Hirten und zur Prostitution gezwungene Frauen, Bettler und Krüppel, Aufständische und Verweigerer, sie alle fokussierten ihre Hoffnung auf Jesus von Nazareth. Jesus starb nicht am Kreuz, weil er mildtätig war, sondern seine Hinrichtung war die gewalttätige Reaktion auf seine systemkritischen und aufrührerischen Gedanken und Aktionen.
Ein politisches Maßnehmen an Christus im Alltag ist nicht leicht. Die Verstricktheiten in dieses System sind groß. Verständnis für ein links-ökologisches Denken ist nicht selbstverständlich. Wer so denkt, muss sich verteidigen, stößt auf Unverständnis. „Was ist schon dabei, mit dem Auto gut eine Stunde unterwegs zu sein, um zu einem Lift zu kommen?“, höre Menschen um mich sagen, wenn ich mit ihnen versuche, darüber ins Gespräch zu kommen. Peak-Oil, die neue Ölpest vor der Südküste Nigerias, Klimaerwärmung, damit verbunden Wüstenbildungen und Hunger ... all das ist nicht in ihren Köpfen und Herzen, zumindest nicht handlungsleitend, wogegen es in meinem Denken und Handeln zentral ist. Die heutige Zeitung vermeldet, dass Libyen sein Ölproduktion wieder kontinuierlich steigere – auf bis zu 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Bringe ich diese Gedanken „ins Spiel“, setze ich mich dem Vorwurf aus, ein Moralisierer zu sein. Wer Moral predigt, wer ethische Werte als Maßstab nimmt, muss sich als „Spieldverderber“ rechtfertigen.
Ich packe meine Skatingski in den Rucksack und radle bis zur Loipe. Merkwürdig fremd wirkt mein Rad am Parkplatz vor der Loipe neben den vielen Autos.
Klaus Heidegger, 25.12.2011

Sonntag, 25. Dezember 2011

Weihnachten politisch


Aphorismen
zum Kind in der Krippe

 

Unter den Äußerlichkeiten des Weihnachtsfestes -
Lichterketten, Christbäumen, Christkindlmärkten, kletternden Weihnachtsmännern,
LED-beleuchteten Rentieren, Geschenkbergen, Weihnachtsfeiern, Punschständen –
darunter begraben, oft schon erstickt, das Innere – das Christuskind.
Ich möchte es freischaufeln, damit es wieder atmen kann.
Schreit es mir entgegnen?
„Hört auf mit euren Äußerlichkeiten, wenn das Innere fehlt ...!
Hört auf mit euren Äußerlichkeiten, die zum Eigentlichen so gar nicht passen!“

Ich sehe das Kind in der Krippe
unter den Tausenden in den Flüchtlingslagern an den Grenzen Europas
in den palästinensischen Wohnvierteln im abgetrennten Gazastreifen,
in den Slums und Favelas der Megacitys der Länder des Südens;
es ist ein einseitiges Baby – mit einer klaren Option,
Dennoch: Frohbotschaft auch für uns da im reichen Norden,
uns zu befreien von dem, was wir zu viel haben, um mehr sein zu können.

Menschgewordener Weltenretter
Nicht Rettungsschirme und Sparprogramme,
nicht Aufrüstungsprogramme ja auch nicht Abrüstungsinitiativen,
der in Jesus Christus Mensch gewordene Gott ist Rettung für diese Welt,
rettet das Klima und die verhungernden Massen des Südens,
stoppt die Kriege und bewahrt den Frieden,
so einfach wär’s: folgen wir seiner Botschaft.

Irdischer Weltenretter
Jesus von Nazareth und seine Jüngerbewegung ist nicht Sciencefiction,
ist nicht Made in Hollywood,
sind nicht Ethan Hunt und seine Epigonen,
kein Geheimagent mit übermenschlichen Fähigkeiten,
sondern ein zartes Neugeborenes in Windeln und in der Krippe.

Die Sehnsucht nach revolutionärer Weihnacht liegt in der Krippe,
oder, wie es beim Evangelisten heißt,
Gott zeltete unter den Menschen,
und Zelte haben die Menschen der Occupy-Bewegung aufgeschlagen,
da bricht Neues an und kündigt sich der Tod des Alten an,
die Hirten von Heute und auch die Engel sind die Empörten.
„Lass mich wenigstens zu Weihnachten in Ruhe mit deinen politischen Klagen“,
sagen mir viele,
die wollen ein besinnliches Fest im Rahmen ihrer Lieben,
doch die bedrohte Krippe und die flüchtende junge Familie,
lassen mir keine Wahl, als politisch zu denken,
Anderes wäre Verrat an der Weihnachtsgeschichte.
Das Kind in der Krippe will geboren werden in meinem Leben,
in meinem Dorf, in meinem Land, in meinem Staat, in diesem Europa und der Welt,
will Prioritäten neu zurecht rücken, will leben und anecken und lästig sein,
und erfüllt meine tiefsten Sehnsüchte,
lässt mich die Einsamkeit fühlen und
gibt Heimat in einer mir oft fremden Welt.

Klaus Heidegger
Aphorismen

Montag, 5. Dezember 2011

An den Nikolaus glauben

an den Nikolaus glauben ...
Wer an den Nikolaus glaubt,
glaubt wie ein Kind,
nicht naiv,
sondern bereit zu empfangen,
nicht als omnipotenter Macher,
sondern bereit, sich beschenken zu lassen,
glaubt an das Kleine,
an die Worte Jesu,
wenn ihr nicht werdet wie die Kinder,
könnt ihr nicht in das Reich Gottes eingehen ...“
vertraut wie ein Kind:
das Leben wird gut werden.

Wer an den Nikolaus glaubt,
beginnt bei den Kindern,
beginnt bei jenen, die schutzlos sind,
beginnt sein Nachdenken und Handeln bei jenen,
die uns am meisten brauchen,
macht seine Hand auf,
um selbst zu schenken,
jenen, die zu kurz gekommen sind.

Wer an den Nikolaus glaubt,
der oder die will,
dass es den „kleinen Leuten“ gut geht,
den 2 Milliarden Menschen,
die heute unter der Armutsgrenze leben,
jener Milliarde, die hungert,
den vielen,
die an der Armutsgrenze leben,
den Arbeitslosen, Verzweifelten, …
der will, dass das Kornwunder von damals,
sich heute wiederholen möge,
das Wunder, wenn geteilt wird,
dann werden alle satt.

Man hortet sein Vermögen nicht länger auf den Banken,
sondern verschenkt es wie Nikolaus unter den Armen -
heute würden wir sagen: Vermögenssteuer.

Man verschenkt „heimlich“,
wirft des Nachts den Beutel in die Zimmer,
nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit,
aus reiner Liebe,
nicht aus Selbstsucht.

(NIKOLAUS)
Klaus Heidegger
6.12.2012