Samstag, 23. März 2013

Hoffnungspapst

Pope of Hope oder: wie ich wieder begann, das Papsttum zu schätzen Vor dem Konklave schrieb ich einen Text mit dem Titel „Mein Lieblingspapst“. Vieles, was ich darin als Wunsch und als Vision von einem ganz anderen Papst und einer reformwilligen Kirche formuliert hatte, ist in den vergangenen Tagen Wirklichkeit geworden. Rückblickend auf das Pontifikat von Benedikt XVI. fällt es mir zunächst nicht schwer, in Papst Franziskus ein großes Hoffnungszeichen für meine Kirche zu sehen. Zunächst also ein Blick zurück. Von Beginn an schlug der vormalige Papst einen restaurativen Kurs ein. Die Erwartungen waren im Jahr 2005 nicht hoch, hatte doch Benedikt bereits als Kardinal Ratzinger und Chef der Glaubenskongregation in jeder Hinsicht mit seiner Verurteilung der Befreiungstheologie viele Katholiken enttäuscht. Diese Enttäuschungslinie setzte er mit seiner Anbiederung an die Pius-Bruderschaft oder mit missverständlichen Äußerungen gegen den Islam sowie mit einem Stillstand im Verhältnis zu den protestantischen „Kirchen“ (sic!), die von ihm nicht als Kirchen gesehen wurden, fort. Mit seinem Rücktritt hat Papst Benedikt XVI. einen mutigen und zukunftsweisenden Schritt gesetzt. Ich hatte Angst, es würde dann einer der Kardinäle zum Papst gewählt werden, der die Benedikt-Linie verlängern würde. Nun aber mit Jorge Mario Bergoglio ein neuer Anfang, eine Abkehr vom bisherigen Kurs? Von Beginn seiner Ernennung an, vom ersten Auftreten auf der Loggia nach dem „Habemus Papam“ hat Papst Franziskus Signale der Hoffnung gesetzt. Überzeugend, authentisch und glaubwürdig ist seine zentrale Botschaft, als Papst vor allem für die Armen da zu sein. Sein nicht nur namentlicher Bezug auf Franz von Assisi zeigt an, dass er einen neuen Weg als Papst einschlagen möchte – ein erster Papst mit diesem Namen, ein erster Jesuit als Papst, ein erster Lateinamerikaner als Papst. Ein dreifaches Novum, es ist multiplizierte Hoffnung. Nach den ersten sieben Tagen, als eine „kleine Versammlung in Rom“ (©Clemens Sedmak) den argentinischen Kollegen zum Papst gewählt hatte, nach der ersten Euphorie für die vielen einfachen Signale, die der neue Papst ausgesendet hat, kann nun eine erste nüchterne – und zugleich immer noch so vorläufige – Einschätzung erfolgen. Erstens: Die natürlich-charismatische Art des Bergoglio-Papstes ist tatsächlich bewegend, gewinnend, faszinierend. Seine so gar nicht abgehobene Art, sondern sein einfach-bescheidener und ungezwungener Stil tut gut nach all dem Pomp, mit dem das Papsttum in der Geschichte assoziiert werden kann und belastet ist. Papst Franziskus hat mit den ersten Worten klar gemacht, mit seiner Bitte um den Segen, dass er seine Aufgabe im Dialog mit den Menschen, für die er da ist, erfüllen möchte. Nicht als Papst, sondern zunächst als Bischof von Rom hatte er sich vorgestellt. Zweitens: Papst Franziskus setzt mit seinem Lebensstil Zeichen – ganz im Sinne von Gandhis Leitspruch „my life is my message“. Schon als Kardinal in Buenos Aires lebte er bescheiden, fuhr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, wohnte in einem schlichten Apartment. Solche Zeichen sind wichtig. Sein neues Outfit in weiß bleibt ohne barocken Prunk. Keine roten Designer-Schuhe, kein schwer-goldener Ring, kein Hermelinkäppchen, keine gold-bestickte Mozzetta. Da passen auch die einfachen Grußformeln von „Guten Abend“ über „Mahlzeit“ bis „Gute Nacht“, mit denen er die Menschen anspricht. Drittens: Noch blieben die „heißen Themen“ der Familienpolitik und Sexuallehre ohne Kommentierung seitens des neuen Papstes. Kolportierte Aussagen aus der Vergangenheit machen etwas vorsichtig. Schon wird der neue Papst als konservativ in den traditionellen moraltheologischen Fragen zitiert. Gegenüber Schwulen und Lesben soll er Vorbehalte haben. Homo-Ehe hätte er gar früher einmal als „Teufelswerk“ bezeichnet. Eine Abkehr vom Pflichtzölibat und die Zulassung von Frauen zum Priesteramt werde es unter Papst Franziskus nicht geben. Für Reformkräfte in der Kirche, für „Wir sind Kirche“ oder die Pfarrerinitiative, wird dies nicht einfach sein. Ihre Anliegen werden nun gerne als sekundär hingestellt, als nachrangig gegenüber den zentralen Anliegen der Option für die Armen und für die Schöpfung oder der Herkules-Aufgabe einer Reform der Kurie. Hier gilt es allerdings, die Anliegen nicht aufzugeben, bei aller Sympathie für den neuen Papst, ihm auch diese Forderungen nach Zulassung der Frauen zu den Weiheämtern und Aufhebung des Pflichtzölibates nahe zu bringen. Es ist zu hoffen, dass ihm die Bischöfe diese Forderungen aus ihren Diözesen nahe legen werden und dass Papst Franziskus die Funktion der Bischöfe, nicht länger Befehlsempfänger aus Rom zu sein, sondern Vermittler der Anliegen aus der Ortskirche, ernst nehmen wird. Auch in einigen anderen dogmatischen Fragen ist so manche Unsicherheit gegeben. Verdeckt der Charme des neuen Papstes und die Euphorie für ihn vielleicht gar eine religiöse Sichtweise, die so gar nicht den Erwartungen entsprechen, die viele Menschen in einen neuen Papst setzen??? Viertens: Theologen, denen ich vertraue, die so viel mehr Ein- und Durchblicke haben, teilen mit mir die Hoffnung, dass mit Bergoglio ein neuer Frühling für die Kirche anbrechen könnte. Leonardo Boff nahm ihn gegenüber der Kritik, zur Zeit der Militärdiktatur seine eigenen Mitbrüder verraten zu haben, in Schutz. In der Wahl des Namens Franziskus sieht Boff das Programm des neuen Papstes, die Kirche in einem franziskanischen Sinne neu aufzubauen. Boff schreibt in seinem Blog: „Es muss erwähnt werden, dass dies ein Papst ist, der aus dem tiefen Süden kommt, wo die ärmsten Menschen leben und sich 60% der Katholiken befinden. Mit seiner pastoralen Erfahrung und seiner Sichtweise ‘von unten` kann er die Kurie umgestalten, die Verwaltung dezentralisieren und der Kirche ein neues, glaubwürdiges Gesicht verleihen.“ Auch Hans Küng spricht sehr positiv von einem „radikalen Wandel“ für die Kirche. Bischof Erwin Kräutler schloss ebenfalls aus, dass Bergoglio zur Zeit der Militärdiktatur mit den Machthabern paktiert habe. Voll des Lobes sind auch die Theologen vor Ort. Jozef Niewiadomski erwartet sich eine tiefgreifende Kurienreform. Viele trauen dies dem neuen Papst zu, da er selbst nicht aus den Kurienkreisen stammt und zugleich als sehr durchsetzungsfähig gilt. Der Wunsch nach einer Kurienreform eint die Katholiken von Kardinal Schönborn angefangen bis hin zur Plattform „Wir sind Kirche“. Fünftens und nochmals: Im Zentrum der Botschaft von Papst Franziskus steht wie beim Povorello aus Assisi die Liebe zu den Armen. Folgende einfache Worte an die Medienvertreter, also in der ersten Pressekonferenz des neuen Papstes, sind programmatisch klar und eindeutig, Worte, wie ich sie mir nicht sehnlicher von einem Papst erwartete: „Manche wussten nicht, warum der Bischof von Rom sich Franziskus nennen wollte. Einige dachten an Franz Xaver, an Franz von Sales und auch an Franz von Assisi. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Bei der Wahl saß neben mir der emeritierte Erzbischof von São Paolo und frühere Präfekt der Kongregation für den Klerus Kardinal Claudio Hummes – ein großer Freund, ein großer Freund! Als die Sache sich etwas zuspitzte, hat er mich bestärkt. Und als die Stimmen zwei Drittel erreichten, erscholl der übliche Applaus, da der Papst gewählt war. Und er umarmte, küsste mich und sagte mir: ‚Vergiss die Armen nicht!‘ Und da setzte sich dieses Wort in mir fest: die Armen, die Armen. Dann sofort habe ich in Bezug auf die Armen an Franz von Assisi gedacht. Dann habe ich an die Kriege gedacht, während die Auszählung voranschritt bis zu allen Stimmen. Und Franziskus ist der Mann des Friedens. So ist mir der Name ins Herz gedrungen: Franz von Assisi. Er ist für mich der Mann der Armut, der Mann des Friedens, der Mann, der die Schöpfung liebt und bewahrt. Gegenwärtig haben auch wir eine nicht sehr gute Beziehung zur Schöpfung, oder? Er ist der Mann, der uns diesen Geist des Friedens gibt, der Mann der Armut. … Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!“ Angesichts solcher Worte, verbunden mit den klaren Zeichen, kann ich im Religionsunterricht meinen Schülern und Schülerinnen endlich die Bedeutsamkeit des Papstamtes mit Freude und Zustimmung nahe bringen. Ich merke, dass sie meine Hoffnung teilen und dass damit Kirche auch für sie glaubwürdiger wird. Freilich bleibt mein Grundansatz, dass das Erleben von Kirche nicht von einem Papst abhängt, sondern Kirchesein in den Familien, in den Freundeskreisen, der Schule und in den Gemeinden gelebt wird – und das alles können wir mit oder ohne Papst. Gut, wenn dies nicht gegen sondern mit einem Hoffnungspapst geschehen kann. Für das alltägliche Glaubensleben ist ein Papst zunächst unbedeutsam. Und dennoch kann die atmosphärische Veränderung im Vatikan auch die Atmosphäre in einer x-beliebigen Kirchengemeinde verändern. Im ersten Sonntagsgottesdienst meiner Heimatgemeinde nach der Papstwahl reichten sich erstmalig in der 1000-jährigen Geschichte dieser Gemeinde die Gläubigen beim Vaterunser die Hände. Mit Spannung blicke ich auf die nächsten Monate und Jahre. Was folgt nach der päpstlichen Charmeoffensive? Nein, ich setze nicht meine ganze Hoffnung für eine Erneuerung der Kirche in diesen Mann – im Gegenteil. So kann ihm das Schicksal erspart werden, zum „Sündenbock“ zu werden. Wie Petrus darf auch Petrus Franziskus fehlbar sein. Ich habe aber dennoch sehr viel Hoffnung – eine kritische Hoffnung. Papst Franziskus hat als Brückenbauer jedenfalls auch eine Brücke zu meinen Hoffnungen geschaffen. Es beginnt etwas Neues. Klaus Heidegger, 23. März 2013

Samstag, 2. März 2013

Mein Lieblingspapst

Mein Lieblingspapst (noch besser wäre freilich Lieblingspäpstin) Er lebt nicht in prunkvollen Palästen mit Fußböden aus Marmor und Möbel aus Edelhölzern, die modrig nach Museen riechen und an eine Zeit erinnern, in der die Kirche mit Macht und Gewalt regierte. Seine Wohnung und Amtsräume sind bescheiden – vielleicht irgendwo mitten in einem der vielen Armutsviertel der Megastädte dieser Welt, nicht mit Blick auf großzügige Gartenanlagen, sondern auf armseligen Wellblechhütten, in der Millionen Menschen und ein großer Teil der Katholiken hausen müssen. Er kleidet sich nicht in herrschaftliche Gewänder. Über seinen bescheiden-einfachen Kleidern passt kein Brokatumhang. Auf seinem Kopf ist keine reich-golden gestickte Mitra – kein bisschen will mein Lieblingspapst in seinem Outfit den weltlichen Herrschern gleichen. „... was sorgt ihr euch um die Kleider ...“ – dieses Jesuswort ist zur Kleiderregel des Papstes geworden und er macht es dem Hl. Franz nach. Er fährt nicht in einem an die 100.000 Euro teuren Mercedes-Papamobil. Dieses hat er dem Daimler-Chef zurückgeschickt mit der Begründung: „Der Papst will damit ein Zeichen setzen, dass er gegen die Geschäfte des größten deutschen Rüstungsproduzenten ist.“ Mein Lieblingspapst lehnt das Product Placement eines Rüstungsgiganten ab, das dem Kriegshandel scheinbar göttlichen Segen verleiht. Er lässt sich nicht länger „Heiliger Vater“ nennen, denn nur einer ist unser „heiliger Vater“. Mit „Pontifex“ mag er genauso wenig angesprochen werden, da dieser Titel an die römischen Herrscher erinnert. Er erhebt auch nicht den missverständlichen Anspruch, „Stellvertreter Christi“ auf Erden zu sein. Er lässt sich nicht von Gardisten beschützen mit ihren Hellebarden, jenen ehemals grausamen Mordinstrumenten. Der Lieblingspapst setzt vielmehr auf gewaltfreie Zeichen. In sein Papstwappen wurde die Regenbogenfahne aufgenommen. Unermüdlich beginnt er den Dialog mit den Ortskirchen, um eine umfassende Reform der Kirche umzusetzen. Die Reformschritte des Zweiten Vatikanums werden mutig fortgeschrieben. Die mittelalterliche Struktur der römischen Kurie wird grundlegend verändert. Die Kollegialität der Bischöfe und damit der Ortskirchen wird gestärkt. Wie in alten Zeiten soll das Volk selbst die Bischöfe wählen, diese wiederum ihre Vertreter in den einzelnen Ländern und diese wiederum wählen den Papst für eine bestimmte Amtsperiode. Damit wird dem Papst eine Machtfülle genommen, die für jede Person zu viel ist, die zu Intrigen und Geheimnistuereien führt. Die Kirche wird transparent und bietet keinen Stoff mehr für Verschwörungsphantasien. Vati-Leaks und Redeverbot für Kardinäle, Forderungen nach absolutem Gehorsam und Skandalgeschichten sind Vergangenheit. So wird möglich, was überall schon lange gefordert wird: Dass sich kirchliche Ämter auch für Frauen öffnen, dass die Ehelosigkeit zur freiwilligen Sache für die Priester wird und damit an Wert und Zeichencharakter gewinnt. Endlich wird es auch ein Papst sein, für den homophobe Äußerungen fremd sind. Letztgültiger Maßstab für das Handeln der Kirche und des Papst wird wieder neu das Evangelium Jesu Christi. Dabei wird mein Lieblingspapst nicht wie sein Vorgänger Gutfreund zu Personen und Organisationen sein, die einem anitmodernistischen Kirchenbild verhaftet sind. Piusbrüder und Opus Dei haben an Einfluss verloren, hingegen wird das so vorbildhafte Wirken der Befreiungstheologen anerkannt. So wird mein Lieblingspapst wichtiger, weil er weniger gewichtig ist, weil die Leitung der Kirche nicht so sehr auf einem einzigen Mann ruht, sondern (basis-)demokratisch wird sie auf viele Köpfe und Herzen verteilt werden. Er wird nicht „bedingungslosen Gehorsam“ einfordern, sondern die Freiheit des Gewissens betonen. Er wird in besonderer Weise auf die Vertreter der anderen christlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften zugehen. Die Stolpersteine der Ökumene werden weggeräumt. Zeichenhaft spendet mein Lieblingspapst auch den evangelischen Christen die Kommunion, wenn sie eine „katholische“ Messe besuchen. Abendmahlsgemeinschaft ist Wirklichkeit geworden, weil die anderen Kirchen und ihre Vertreter als Kirchen anerkannt werden. Selbst ein wiederverheiratetes Paar bekam nach genauer Prüfung den Segen des Papstes. Mein Lieblingspapst kann zu einer Weltautorität werden, die die Stimme erhebt gegen den atomaren Rüstungswahnsinn und das systematisch-strukturierte Verbrechen einer imperialistischen Weltherrschaft des Kapitals, das verursacht, dass alle 5 Sekunden ein Kind an Folgen des Hungers stirbt. Im neuen Peak-Oil-Pontifikat wird die katholische Weltkirche als Global Player ihre umfassende Verantwortung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung neu wahrnehmen. Klaus Heidegger, am 1. Tag der Sedisvakanz, 1. März 2013

Samstag, 23. Februar 2013

Carnivore Doppelmoral

Carnivore Doppelmoral Wäre in der beanstandeten Lasagne Huhn statt Pferd, so hätte es keine große Debatte gegeben, da mag das Huhn auch noch so grausam gehalten worden sein. Fleischesser haben ihre eigene Logik. Warum scheint es ungleich schrecklicher zu sein, ein Pferd zu essen, als Rind zu essen? Warum rinnt beim Wort Rindfleisch so manchem Zeitgenossen das Mund im Wasser zusammen, bei Pferdefleisch aber entdeckt man Mitleid mit der vierfüßigen Kreatur? Es ist eine absurde Logik, die mit unendlich viel Tierleid verbunden ist. Abertausend Tonnen Fleisch, das falsch deklariert sein könnte, soll nun vernichtet werden. Für jedes Kilo Fleisch muss nun ein anderes Tier getötet werden, um das vernichtete Fleisch zu ersetzen. Massenschlachtereien sind die Folge. Dies ist der eigentliche Skandal im „Pferdefleischskandal“. Der Skandal ist die Massentierhaltung, die jeder Fleischkonsument mitträgt, der nach Billigfleischware aus ist, der mitverursacht, dass es eine gigantische Nachfrage nach „toten Tieren“ gibt. Vielleicht trägt die gegenwärtige öffentliche Hysterie über pferdefleischliche Zusätze dazu bei, dass weniger nach den fleischlichen Verpackungen in den Tiefkühlregalen gegriffen wird, dass vielleicht sogar so mancher Zeitgenosse seine Tierliebe neu entdeckt und menschliche Empathien für Tiere nicht auf Pferde und vierbeinigen Haustiere beschränkt werden. Klaus Heidegger

Sonntag, 27. Januar 2013

Zwangskrekrutierung bleibt Ausbildung zum Kriegführen

Warum eine Bewegung, die auf Gewaltfreiheit aufbaut, dem Bundesheer und militärischer Zwangsrekrutierung prinzipiell kritisch gegenüber eingestellt bleiben wird – auch nach dem Plebiszit – liegt im eigentlichen Zweck dieser Institutionen. Ihn bringt Caspar Einem treffend auf den Punkt. „Man hat doch in den vergangenen Wochen gänzlich darauf vergessen, dass es sich beim Bunesheer um eine Armee handelt, bei der es im schlimmsten Fall auch um das Kriegführen gehen kann. Das Bundesheer ist keine Schneeschauflerpartie und keine Beschäftigungstherapie für junge Männer. Der eigentliche Zweck ist die militärische Ausbildung.“ Caspar Einem, Tiroler Tageszeitung, 25.1.2013

Nach der Volksbefragung zur Wehrpflicht - Reformen!

Nach der Volksbefragung: Den Geist der Gewaltfreiheit stärken, Zivil- und Wehrdienste reformieren und Alternativen einer nicht-militärischen Friedenspolitik entwickeln Die Kommission Pazifismus/Antimilitarismus von Pax Christi Österreich will die breite öffentliche Diskussion über eine Neugestaltung der Zivil- und Wehrdienste sowie der Weichenstellungen für eine sicherheits- und friedenspolitische Zukunft nützen und dabei die gewaltfreie und pazifistische Option einbringen. Einerseits gilt es, den Volksentscheid zu akzeptieren, andererseits bleiben die Kritikpunkte an der Wehrpflicht bestehen und die Hoffnung, dass eines Tages diese Institution doch abgeschafft werden wird, lebt fort. Nach der Volksbefragung ergeben sich drei Handlungsfelder. Die ersten zwei liegen im Bereich des Fortbestehens von Wehr- und Zivildienst, das dritte Handlungsfeld liegt außerhalb des Systems der Pflichtdienste und des Heeres und bietet die größten Chancen für wirklich friedenspolitisches Handeln. Pax Christi hat dazu mit dem Konzept von Freiwilligendiensten bereits wichtige Vorarbeiten geleistet. 1) Handlungsfeld 1: Im System den Zivildienst reformieren • Der Zivildienst sollte zur echten Alternative werden durch Erweiterung von Tätigkeitsfeldern und Aufgabengebieten. Die Forderung des Tiroler Caritas-Direktors Georg Schärmer, dass Zivildienst nicht länger „Wehr-Ersatz“ bleiben soll, ist in dieser Hinsicht voll zu unterstützen. • Aus Gründen der Gerechtigkeit (Wettbewerbsnachteil in Beruf, Ausbildung und Studium) ist eine gleiche Dienstdauer zwischen Wehr- und Zivildienst anzustreben. • Der Vorschlag der Grünen, nach einer Anrechenbarkeit von ehrenamtlichen Diensten auf den Zivildienst, würde ein interessante Perspektive zur Stärkung von Freiwilligendiensten bieten. 2) Handlungsfeld 2: Im System den Wehrdienst reformieren (bzw. „Zivildienstverweigerer-Dienste“ reformieren) • Die Tätigkeitsfelder des Bundesheeres sind ausschließlich im Rahmen einer konsequenten Neutralitätspolitik zu definieren, was Auslandseinsätze betrifft ausschließlich im Rahmen der Vereinten Nationen zur Friedenserhaltung bzw. zum Friedensaufbau. Hier gilt es das B-VG Art. 23f (Kriegsteilnahmeermächtigung der Bundesregierung) in Frage zu stellen. • Fragwürdig ist weiters B-VG-Art 79, das einen Einsatz des Bundesheeres gegen das eigene Volk ermöglichen würde. • Bestehende Einbindungen in Bündnisstrukturen (Partnership for Peace, EU-Battle-Groups) sind rückgängig zu machen. • Es braucht eine Reduktion des Wehrbudgets und zugleich ein Einrechnen aller rüstungsrelevanten Aufwendungen in dieses Budget. • Bei künftigen Überlegungen für Neuanschaffungen von Rüstungsmaterialen sollte darauf Rücksicht genommen werden, warum der überwiegende Teil der Bevölkerung für Wehrpflicht gestimmt hat: Insofern bräuchte es Schneeräumgeräte statt Panzer, Schneeschaufeln statt Sturmgewehre, ... • Schrittweise Reduktion der Personalstärke des Bundesheeres. 3) Handlungsalternative 3: Alternativen außerhalb der Pflichtdienste und des Militärs • Die Kommission Antimilitarismus/Pazifismus von Pax Christi Österreich unterstützt die Bürgerinitiative Bundesheer abschaffen. Sie ist jetzt nach der Volksbefragung weiterhin notwendig, weil sie jenen Teil der Bevölkerung repräsentieren kann, die sich Frieden und Sicherheit jenseits eines militärischen Systems vorstellen können und daran arbeiten wollen. • Friedensdienste sind Bausteine einer aktiven Friedenspolitik. Anstatt auf Kosten des sozialen Friedens und der Umwelt militärische Potenziale mit enormem Aufwand weiter auszubauen bzw. zu erhalten, sollte der Vorrang bei Investitionen in den weiteren Ausbau ziviler Kapazitäten der Konfliktbearbeitung – beispielsweise von Peace-Building-Stellen im Bereich der UNO, der OSZE oder der EU – liegen. Konkret soll es um die Förderung eines Europäischen Zivilen Friedensdienst-Programms gehen, um qualifizierte Friedensfachkräfte und Friedensteams in Konfliktregionen entsenden zu können. Dafür ist auch eine sichere Finanzierung des Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung in Schlaining notwendig. Zum Aufbau einer Friedenskultur zwischen den Nationen und Völkern kann auf ein großes Potential an Möglichkeiten zurückgegriffen werden, die sich bereits in der Vergangenheit bewährt haben und angewendet worden sind.

Mali - gewaltfrei intervenieren!

In Mali – gewaltfrei interveniern! „Die Antwort auf Gewalt dürfe nicht Gewalt bedeuten. ... Die Religionen sollten sich stattdessen ihres Versöhnungspotenzials besinnen. ... Nur so könne die Sackgasse der Intoleranz gesprengt werden.“ Mit diesen Worten wird in der heutigen Sonntagsausgabe der Tiroler Tageszeitung Jozef Niewiadomski zitiert. Gelten diese Worte auch angesichts der Situation in Mali? In Mali wird Gewalt mit Gewalt beantwortet. Die islamistischen Kämpfer im Norden erfahren die Gewalt der französischen Streitmacht. Jankowitsch begrüßt das Vorgehen der französischen Truppen – siehe Mali: Ein neuer Krisenherd in Afrika fordert Europa heraus | ampunkt.bsa.at – und die alte Kolonialmacht wird wie ein Befreier gefeiert – sie Militäreinsatz in Mali: Frankreich läuft prima - taz.de. Die Strategie der Europäischen Union setzt zielstrebig auf den Aufbau einer „regulären“ militärischen Armee in Mali. Können solche Signale von Seiten Pax Christi unwidersprochen bleiben? Elisabeth Förg sendet andere Signale aus, wenn sie als Entwicklungsexpertin aus Mali schreibt: „Bisher noch kaum genutzt wurde das reiche soziale Kapital der malischen Gesellschaft mit ihrer hochentwickelten Kultur des Dialogs und der Konfliktlösung zwischen den Ethnien. Der starke Wunsch nach dem Wiederaufbau eines demokratischen und säkularen Staates und der Stolz auf die friedfertigen Traditionen sind hoffnungsvolle Zeichen. Diesen politischen Prozess, inklusive einer Aushandlung von Selbstbestimmungsrechten, sollte die internationale Gemeinschaft klug und sachkundig unterstützen.“ (27.1.2013)

Samstag, 19. Januar 2013

Mali als Nagelprobe für pazifistische und antimilitaristische Optionen Gegenwärtig wird in nordwestafrikanischen Ländern, insbesondere in Mali, sichtbar, was auch der Kern der Österreichischen Sicherheitsstrategie ist. Bedrohungsszenarium 1 ist der Kampf gegen den Terrorismus, verbunden damit auch Bedrohungsszenarium 2, nämlich die Gefährdung von Rohstoffquellen. Die Terroristen sind islamistische bzw. salafistische Kräfte, die mit untolerierbarer Grausamkeit den Norden von Mali erobert haben. In diesen Gebieten liegen wiederum bedeutsame Rohstoffquellen für die europäischen und internationalen Konzerne. Responsibility-to-Protect (R2P) ist nun wieder als Software gefragt. Die nötige Hardware liefern die bestgerüstetsten europäischen Armeen. Solche Software und Hardware führt zum Modern Warfare. Für Frankreich ist dies eine logische Folge: Die französische Nation hat die größten Wirtschaftsinteressen in dieser Region und zugleich die schlagkräftigste Armee. Seit den Kolonialzeiten ist ihr dieses Gebiet vertraut. Wie reagieren friedensbewegte Kräfte in dieser Situation? Stellt diese Lage nicht jede antimilitärische und pazifistische Option in Frage? Ist es unmoralisch und unverantwortlich, nicht nach einem massiven militärischen Eingreifen gegen Islamisten und Salafisten zu rufen? Dürfen wir angesichts des Leids in Nordmali die militärische Entschlossenheit Frankreichs kritisch sehen? Vor allem Gegner einer Berufsarmee aus den Reihen der Friedensbewegung müssten sich nun fragen. Warum sind wir gegen Battlegroups unter österreichischer Beteiligung, bejahen aber Frankreichs Intervention? Wer Hannes Androsch mit seinen Profiheer-Ambitionen schnell verurteilt hat und jetzt Frankreichs Tun in Mali befürwortet, bleibt in sich widersprüchlich. Wer am Sonntag in der Wahlzelle ein Kreuzerl macht, ohne die Situation in Mali mitzubedenken, blendet einen wesentlichen Teil der Wirklichkeit aus und handelt mit österreichischer Kleingeistigkeit. Eine friedensbewegte Antwort könnte jedenfalls lauten: Wir brauchen gerade angesichts der Weltsituation bestens ausgebildete nichtmilitärische und militärische Friedensfachkräfte, die höchstprofessionell geschult sind, im Rahmen der Vereinten Nationen in Gewaltsituationen zu intervenieren. Da könnte der ganz spezifische Beitrag einer österreichischen Armee liegen. Ein Nachdenken darüber wird vor allem aber die Tausenden Möglichkeiten einer nicht-militärischen Konflikttransformation nicht weiterhin ausblenden. Dr. Klaus Heidegger, Pax Christi