Montag, 28. Mai 2012

Pfingsten als soziale Revolution


Pfingsten als soziale Revolution!

Eine Pfingstpredigt zu den Lesungen des Pfingstfestes

von Klaus Heidegger


Haben Sie genau auf die Lesung und das Evangelium des Pfingstfestes hingehört, auf die zwei unterschiedlichen Darstellungen des Pfingstwunders, wie es vom Evangelisten Johannes überliefert wurde und wie es Lukas in seiner Apostelgeschichte schildert? Die beiden Textstellen sind zwei verschiedene Versionen des Pfingstwunders. Wie ist Ihre Stimmung? Begeistern Sie beide Textabschnitte? Denken Sie sich innerlich „wau!“ oder - in der heutigen Jugendsprache – „das ist cool!“? Werden Sie von den Textstellen berührt? Wecken sie positive Gefühle oder Ärger? Sind sie eine Ermutigung? Oder ist es Ihnen wie uns so oft ergangen: Wir haben einfach beide Stellen über-hört. Die Worte sind vorbeigeplätschert, ohne uns tränken zu können.
Unglaubliches, Unfassbares ist da geschehen, in der Hauptstadt Judäas, in Jerusalem, zur Zeit der Weltherrschaft des Kaisers Tiberius, etwas mehr als 50 Tage, nachdem Jesus von Nazaret als Rebell und Aufrührer auf grausame Weise hingerichtet worden war und seinen Jüngern und Jüngerinnen als Auferstandener begegnet war. Was ist geschehen? Immer noch geschockt von den Ereignissen sitzen die Jünger und Jüngerinnen hinter verschlossenen Türen zusammen. Ja, sie wissen: Jesus ist auferstanden. Jesus ist ihnen auch schon erschienen. Ihre Angst ist damit nicht gewichen. Das Trauma von Jesu Hinrichtung sitzt ihnen tief in den Knochen. Es war ein brutaler, ein feiger Mord, typisch für die römischen Besatzungstruppen, die das Land mit äußerster Gewalt unter Kontrolle hielten. Abertausende sind von den römischen Soldaten gekreuzigt worden; jüdische Mädchen und Frauen sind misshandelt oder als Sklavinnen verkauft worden. Jene, die mit Jesus gezogen sind, sind weiterhin gefährdet. Da hocken nun die Jünger und Jüngerinnen in einem armseligen Haus in Jerusalem zusammen. Wir kennen einige ihrer Namen. Es sind durchwegs Leute der Unterschicht. Da war der Jünger Bartimäus. Als blinden Bettler hatte ihn Jesus in die Nachfolge berufen. Weit unter dem Existenzminimum hatte er gelebt. Oder der Bruder von Jesus, Jakobus, oder die Söhne des Zebedäus, und Petrus und Andreas, ehemals Fischer aus dem Norden des Landes. Und natürlich sind da auch die Frauen, die Galiläerin Maria von Magdala, eine besondere Gefährtin von Jesus, und da sind Maria und Martha aus Betanien, Maria, die Mutter Jesu, und noch viele andere. Sie alle waren ohne Sozialprestige, ohne gesellschaftliches Ansehen, ohne materielle Sicherheiten. Sie kannten die Not in Palästina aus eigener Erfahrung und als Betroffene. Sie wussten von der groben Ungerechtigkeit. Die Botschaft ihres Meisters öffnete ihnen die Augen, um die Ausbeutungsverhältnisse zu durchschauen. Sie träumten als Juden und Jüdinnen zugleich von einem messianischen Gottesreich, in dem - wie es Maria so wunderbar besang - die Herrschenden vom Thron gestürzt, die Habenichtse aber emporgehoben werden. Wer solche Träume und politische Ziele hatte, galt als gefährlich. Jeden Moment mussten die Jünger und Jüngerinnen Jesu damit rechnen, dass sie ebenfalls – wie Jesus – als „Revoluzzer“ und Unruhestifter verurteilt werden konnten. Kein Wunder also, dass sie vorsichtig waren, dass sie sich nicht hinaus wagten. Da aber geschah das Unerwartete. Da ereignete sich Pfingsten, in diese Situation von Verzagtheit und Angst und Furcht hinein. Verzagtheit wird durch Mut ersetzt, Angst durch Zuversicht und Furcht durch Furchtlosigkeit abgelöst. Das ist Pfingsten. Das ist die Gabe des Geistes.
Die Konsequenzen sind unübersehbar. So plötzlich streifen die Jünger und Jüngerinnen ihre Ängste ab. Sie haben ihre Furcht vergessen. Die einfachen Bauern und Bäuerinnen aus Galiläa, die von der Jerusalemer Stadtbevölkerung abschätzig als ungebildet, als dumm, als unzivilisiert betrachtet wurden, kaum würdig für das Wort Gottes, entwickeln plötzlich ein enormes Selbstvertrauen. Weit machen sie nun die Türen auf. Furchtlos treten sie vor die anderen Menschen, die so zahlreich in Jerusalem waren. Diese Männer und Frauen aus der Unterschicht Palästinas wagen den Aufbruch. Stellvertretend für die anderen, so könnten wir jetzt in der Apostelgeschichte weiter lesen, tritt dann Petrus unerschrocken vor die Menge. Er wagt es sogar, sich auf den Propheten Joel zu beziehen und spricht vom Anbruch des messianischen Reiches, das ist nichts weniger als eine soziale und politische Revolution, die die Verhältnisse völlig umgestaltet.
Alles bloß eine Utopie? Eine charismatische Schwärmerei? Sind die Jünger und Jüngerinnen bloß ausgeflippt? Nein, wir müssen nur in der Apostelgeschichte weiter lesen, um die unmittelbaren Auswirkungen von Pfingsten zu begreifen – die handgreiflichen Wirkungen. Der Geist Jesus bewirkt erstens, dass die einzelnen Menschen Mut bekommen, dass sie den Aufbruch, das ist die Nachfolge Jesu, wagen können, dass sie die enorme Zuversicht bekommen, in die Fußstapfen Jesu zu treten.
            Der Geist Jesu bewirkt zweitens, dass sich die Einzelnen in Gemeinschaften zusammentun. Die Begeisterten bleiben nicht allein. Deswegen ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche; der Geburtstag der christlichen Gemeinden.
            Der Geist Jesus bestimmt drittens die Art und Weise, wie die ersten Christen und Christinnen ihr Gemeindeleben gestalten: Diese Menschen in den urchristlichen Gemeinden, so schreibt Lukas, waren „ein Herz und eine Seele“. Können wir das von uns heute behaupten? In die Kirche gehen, Christ sein, das war nicht, wie bei uns heute vielmals, eine bloß geistige Sache, ein schönes Wort, ein positives Feeling, nein, das war für die ersten Christen und Christinnen durch und durch handfest. Das hatte praktische materielle Konsequenzen.
Darin liegt das Pfingstwunder, darin liegt die Gabe des Geistes: Die Menschen waren befähigt zur Gütergemeinschaft. Sie hatten alles gemeinsam. Manche sprechen auch von einem Urkommunismus. Und das Wunder dieser ökonomischen Ordnung stellte sich sofort ein: Niemand unter ihnen litt Not, jeder und jede hatte das, was er und sie nötig hatte. Ein sozialpolitisches Pfingstwunder. Pfingsten erweist sich für die ersten Christen und Christinnen als soziale Revolution. Gerade in einer extremen Notsituation, in der die ersten christlichen Gemeinde waren, wiederholte sich das, was Jesus bereits in den Brotwundern zeigte: In Gemeinschaften, die sich am Prinzip des Teilens orientieren, werden die sozialen Spannungen aufgehoben. Das bedeutet, dass es keine mehr gibt, denen die Grundbedürfnisse versagt bleiben. Die Gabe des Geistes ist daher die Fähigkeit, eine Gesellschaft und eine Wirtschaft so zu gestalten, dass niemand mehr Not leidet, dass die zentralen Bedürfnisse aller Menschen erfüllt werden.
Weit sind wir heute vom Pfingstwunder entfernt! Konsolidierungspakete werden auf dem Rücken von ohnehin Armen geschnürt. Reiche wollen Arme hinaus drängen, anstatt den Reichtum zu teilen. Unfassbare Not in der Sahelzone – 15 Millionen Menschen sind vom Hungertod bedroht. Die Liste von Ungerechtigkeiten ist lang. Pfingsten tut not. Es bleibt daher die pfingstliche Bitte: Möge die Geistin wie ein Wirbelwind die zerstörerischen Mechanismen unserer Wirtschaftsordnung verändern; möge die Geistin wie ein sanfter Windhauch uns zum Teilen befähigen. Möge die Geistin uns mit Feuerzungen Mut zu Visionen geben, damit wir unsere Furcht und Angst überwinden können. Möge die Geistin uns zu Geschwistern machen. Amen


Freitag, 27. April 2012

Ungehorsamer Gehorsam in der Kirche




Ungehorsamer Gehorsam und die Kirche wird sich ändern!

„Herr Professor, wird sich die Kirche jemals ändern?“, fragte mich eine Schülerin, die kurz vor der Matura steht, in ihrer vorletzten Religionsstunde. Im Ton ihrer Frage klang Resignation durch. Ein wenig war es als rhetorische Frage formuliert. Als Jugendliche hat sie wenig Hoffnung. Die real-existierende Kirchenwirklichkeit – die Messen in ihrer Heimatgemeinde bis zu den Inszenierungen rund um den Papst – haben sie längst von der Kirche entfremdet. Viele "Pfarrer der Pfarreien" – so Bezeichnung in den neu errichteten Seelsorgeräumen – haben den Draht zu den Jugendlichen verloren.
Noch mitten in der 50-tägigen Osterzeit stehend – was bedeutet an Auferstehung glaubend – kommt aus mir ein überzeugtes „Ja, sie wird sich ändern!“ Wenn ich denke, dass ich als ministrierendes Volksschulkind Lateinisch zu antworten lernte, dass die Priester mit dem Rücken zum Volk zelebrierten, dass selbst Höllenpredigten die Verkündigung bestimmten ... und dann wurde mit dem Zweiten Vatikanum plötzlich so Vieles anders! Wenn ich an die ungehorsamen Priester denke, an die Aufbruchsbewegungen in der Kirche, ... dann habe ich Hoffnung, dass die aktuelle Umarmung der Pius-Brüder durch den Papst ein letztes Aufbäumen gegen die Reformen ist, die bereits im Kommen sind. Ja, es wird der Zölibat fallen und den Frauen wird nicht länger das Priesteramt verweigert werden. Priester und Bischöfe werden vom Volk für eine Dauer gewählt werden. Homosexuelle Menschen werden nicht nur in Stützenhofen und nicht nur in Pfarrgemeinderäten offiziell verantwortliche Positionen in den Kirchen einnehmen, ohne ihre Partnerschaften verstecken zu müssen.
Ja, eine Kirchenwirklichkeit von mächtigen Männern in hohen kirchlichen Funktionen wird nicht mehr lange sein. Ein Nuntius, der am Weißen Sonntag bei einer Predigt im Stephansdom meinte, dass „auf Ungehorsam kein Segen liegt“, ist blind für die Tatsache, dass es einen Gehorsam gegenüber Gott gibt, der in manchen Fällen zum Ungehorsam gegenüber kirchlich-strukturellen Vorgaben werden könnte. Jeder Schüler lernt im Religionsunterricht als Grundformel: Das Gewissen ist die oberste Instanz. Über dem Gewissen steht kein Papst und kein Nuntius. Ein Bischof im Süden von Österreich, der apodiktisch behauptet, Frauen könnten nie und nimmer Priesterinnen werden, negiert die Rolle der Frauen in der Jesusbewegung und der frühen Kirche, beginnend mit der ersten Auferstehungszeugin. Wenn Kardinal Schönborn letztlich doch gegen den Stützenhofner Pfarrer und für den homosexuellen Pfarrgemeinderat votiert hat, dann hat er sich ein paar so entscheidende Millimeter in eine Richtung bewegt, die selbst im Weltkatechismus vorgegeben wird, wo formuliert ist, dass jede Diskriminierung von Schwulen und Lesben vermieden werden muss. Bischof Küng in St. Pölten, der sich gegen den Beschluss der Bioethikkommission stellte und meinte, alleinstehenden Frauen und gleichgeschlechtlichen Paaren dürfe nicht das Recht auf künstliche Fortpflanzung zugestanden werden, wird Vergangenheit werden. Ein Pfarrer im Tiroler Oberland steht zwar symptomatisch für den Versuch einer neuen klerikalen Fundigruppe hinter das Vatikanum zurückzurudern, doch Erfolg wird ihr keiner beschieden sein. Sie mögen zwar nun die neue Vorschrift des Papstes bei den Einsetzungsworten befolgen und betonen, dass Jesus nicht mehr „für alle“, sondern nur „für viele“ sein Erlösungswerk vollbracht hat. Solche Spitzfindigkeiten sind zwar eine Rückkehr zur „außerhalb der Kirche kein Heil“-Ideologie, werden aber die modernen Erkenntnisse der Theologie nicht mehr rückgängig machen können.
Längst schon ist eine andere Kirchenwirklichkeit Wirklichkeit und war es an vielen Orten und durch viele Menschen immer schon. Menschen in den Pfarrgemeinden, die sich von oben genannten restaurativen, antidemokratischen, frauenfeindlichen, reaktionären oder homophoben Machenschaften nicht abschrecken lassen, sondern ihren Traum von Kirche leben. Priester, die im Gehorsam gegenüber der jesuanischen Lehre nicht Kommunionverweigerer sind, sondern den ganzheitlichen Zuspruch von Jesus praktizieren. Auch wiederverheiratet Geschiedene erfahren sich als wieder willkommen in der Gegenwart der Eucharistie. Vor allem aber ist es eine Kirche, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzt. Und da gibt es so viel zu entdecken: Priester und Ordensleute und noch mehr Laien, die sich inmitten der Ärmsten der Armen engagieren – selbst Bischöfe sind unter ihnen. Katholiken, die sich auch in der Nachfolge Jesu für einen umweltgerechten Lebensstil einsetzen und ihn selbst leben. Der Blick wird frei für eine Kirche, die es jetzt schon gibt, so oft unbemerkt in der breiten medialen Berichterstattung. Ich füge noch auf die Frage der Schülerin hinzu: „Eine Kirche, wie sie deiner Sehnsucht entspricht, gibt es in vieler Hinsicht, und jene Kirche, die dir fremd und abstoßend ist, wird von der jetzt schon neuen Kirche verwandelt werden.“
Dr. theol. Klaus Heidegger

Dienstag, 17. April 2012

Homophobe Bibel?


Die Bibel ist nicht homophob!

Nicht die biblischen Schriften des Ersten und Neuen Testaments sind homophob. Homophob sind jedoch oftmals ihre Interpreten, wie jetzt die Gefolgsleute des Pfarrers von Stützenhofen aber genauso die Kirchen-Religions-Bibel-Kritiker, die ähnlich unkritisch die These hochhalten, die Bibel würde Homosexualität verteufeln.
Der Blick in die Bibel zeigt jedoch ein anderes Bild. Die jüdisch-christliche Religion zeichnet sich von ihrem Ansatz her durch eine hohe Wertschätzung von Sexualität aus. Dieses „Gott sah, dass es gut war, als er den Menschen geschaffen ...“ aus dem Buch Genesis bezieht sich auf das Ganze des Menschseins, auch seiner Sexualität. Das Ja Gottes zu seinem großartigen Schöpfungswerk ist auch ein Ja zu Schwulen und Lesben mit ihrer Sexualität. Auch ihre Anlagen entsprechen dem Schöpferwillen Gottes. Eine generelle Abwertung der Sexualität und Leiblichkeit kam erst durch nicht-jüdisch-christliche Philosophien in den Bereich der Kirchen, ist also unbiblisch. Aus christlicher Sicht dient Sexualität nicht nur der Fortpflanzung, sondern ist primär Ausdruck der Liebe zwischen Menschen. So lehrt die katholische Sexualmoral, dass Liebe und Verantwortlichkeit letztlich darüber entscheiden, in welcher Weise Sexualität gut oder böse ausgelebt wird. Die angeblich homo-feindlichen Stellen in der Bibel richten sich nicht gegen Homosexualität als solche, sondern gegen perverse Praktiken wie Tempelprostitution, Vergewaltigung oder Päderastie. In diesem Sinne sind diese Stellen durchaus berechtigt. Einige wenige Stellen wiederum müssen als zeit- und kulturell bedingte Aussagen verstanden werden, die weder der Grundlinie der biblischen Frohbotschaft entsprechen noch den humanwissenschaftlichen Erkenntnissen der Gegenwart. Dagegen gilt es festzuhalten: Homosexualität kann auch als Geschenk Gottes gelebt werden, als Ort der Gotteserfahrung, als Erfahrungsraum des Göttlichen. Wer in der Bibel liest und sie von der Liebe und Barmherzigkeit des Schöpfergottes her interpretiert, wird sich wünschen, dass sich Schwule und Lesben in den Kirchen und der Gesellschaft nicht länger diskriminiert fühlen müssen, sondern angenommen und sicher!
Dr. theol. Klaus Heidegger

Sonntag, 1. April 2012

Muttergottes für rassistische Parolen


Mit der Muttergottes für Ausländerfeindlichkeit!?
Zu Recht wurde und wird in den Medien und der breiten Öffentlichkeit die dummdreiste rassistische Spruchreimerei der FPÖ kritisiert. Nach „Pummerin statt Muezzin“ im Wiener Wahlkampf nun die Parole „Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“ im Innsbrucker Bürgermeister- und Gemeinderatswahlkampf. Als Theologe und Religionslehrer spricht mich ein Detail auf diesen hetzerischen FP-Plakaten in besonderer Weise an. Da ragt aus der rechten Bildhälfte die Muttergottes der Annasäule heraus und dreht ihren Kopf dem heimatliebenden August Penz liebevoll zu. Lächelt er, weil er eine Erscheinung hat und die Botschaft der Maria hört? Der Innsbrucker Hotelier und FP-Kandidat als „Sohn“ der göttlichen Mutter oder als begnadeter Seher? Die Annasäule ist nicht irgendein Symbol, das die FP-Wahlstrategen gewählt haben. Es hat die Funktion wie der Steffl oder die Pummerin von Wien. Man will sagen: Wir haben den Segen der (katholischen) Religion und wir handeln wie die Kreuzritter im göttlich-jungfräulichen Auftrag. Seit der Vertreibung der Bayern zu Beginn des 18. Jahrhunderts steht die Annasäule für das Konstrukt des wehrhaften Tirolers, der auch mit den Mitteln der Gewalt das verdrängt, was fremdländisch ist. Sind für die FP-Tirol die Ausländer – insbesondere die Nordafrikaner – die Bayern des 18. Jahrhunderts? Will Penz einen Marokkaner- oder Nordafrikaner-„Rummel“ oder ist ihm einfach jedes Mittel recht, um aus seiner politischen Abseitsposition doch noch Aufmerksamkeitspunkte zu erreichen? Beides ist gleichermaßen fies. Den Segen der Maria und ihrem Sohn, der jede Gewalt und Ausgrenzung verabscheute und durch und durch die Versöhnung lebte, hat er jedenfalls sicher nicht.

Dr. Klaus Heidegger,
Arbeitsgruppe Pazifismus und Antimilitarismus von Pax Christi Österreich

Sonntag, 4. März 2012

Syrien - kein zweites Libyen


Syrien darf kein zweites Libyen werden:
Massiver Gewalt und Unterdrückung ohne Gewalt begegnen

Die Situation in Syrien ist wie ein Albtraum. Das Töten von Menschen, Folterungen und massenhaftes Elend nehmen mit jedem Tag zu. Das Regime von Bashar al-Assad will sich mit äußerst brutaler Gewalt an der Macht halten. Die syrische Oppositionsbewegung hat seit einem Jahr versucht, ohne Anwendung von Gewalt für Reformen auf demokratischem Wege einzutreten. Mit Beginn des Jahres 2012 haben paramilitärische Kräfte den Kampf gegen das Assad-Regime und die reguläre syrische Armee aufgenommen. Die „Freie Syrische Armee“ (FSA) verübt Anschläge, nimmt Regierungspersonal unter Feuer und legt in Taliban-Manier Sprengfallen. Diese Gegengewalt führt zu äußerst brutalen Gewaltexzessen auf Seiten der syrischen Armee, wie vor allem der tagelange Beschuss der Stadt Homs zeigt. Die meisten Menschen sterben aufgrund der Kampfhandlungen zwischen der FSA und den syrischen Streitkräften. Hinter dem Syrischen Nationalrat, der von der Türkei aus den gewaltsamen Widerstand der FSA lenkt, stehen die Muslimbrüder. Viele Gruppen im Land wie Kurden, Alawiten, Kopten, säkulare politische Kräfte und städtisches Bürgertum sind jedoch mit dieser Entwicklung nicht einverstanden und haben Angst, wenn es dieser Seite gelingt, die Macht zu übernehmen.
Wer rüstet die bewaffneten Oppositionskräfte aus? Woher bekommen sie militärische und ideelle Unterstützung? Politische Kräfte in Frankreich und den USA haben bereits signalisiert, dass sie bereit sind, wie im Falle Libyens, sich auf die Seite der militärischen Rebellen zu stellen. Je mehr der Bürgerkrieg sich entfacht, desto mehr steigt – ebenfalls wie in Libyen – die Bereitschaft der westlichen Militärmächte zu einer Militärintervention. Es wird berichtet, dass mit Hilfe der NATO Waffen und militärlogistisches Know-how an die Aufständischen geliefert wurde – zynischerweise auch aus Beständen Libyens. Über syrischem Gebiet fliegen US-amerikanische Drohnen. Kriegserprobte libysche Kämpfer und irakische Al-Kaida-Djihadisten wollen den Aufständischen in Syrien zu Hilfe kommen.
Offensichtlich verfolgen die USA und ihre Verbündeten in Syrien und mit der Bewaffnung der Aufständischen ihre geostrategischen Ziele. Wird Assad als Gegner der westlichen Mächte gesehen, weil er die Opposition unterdrückt oder weil er ein Verbündeter des Iran ist? Jedenfalls gilt: Fällt das Assad-Regime, dann fällt zugleich der wichtigste Verbündete des Iran. Dies passt zu den wiederholten Andeutungen, dass die USA zu einem Angriffskrieg gegenüber dem Iran bereit sind. Der Weg nach Teheran führt über Damaskus.
Das Beispiel Libyen zeigt, welcher Preis bei einer Militärintervention zu zahlen wäre. Die bewaffneten Auseinandersetzungen haben in Libyen bis zu 40.000 Menschenleben gefordert. Syrien zählt dreimal so viel Einwohner, entsprechend höher würden die Opferzahlen sein.
Was würde geschehen, wenn die Muslimbrüder, unterstützt von Djihadisten aus Libyen oder dem Irak, die Macht in Syrien ergreifen würden? Die Gefahr von ethnischen Säuberungen wäre gegeben, was vor allem die 10 Prozent Christen in diesem Land treffen würde.
Die Komitees der syrischen Protestbewegung haben stets vor einer Militarisierung des Aufstands gewarnt. So heißt es in einer Stellungnahme des Zusammenschlusses der lokalen Komitees: „Eine Militarisierung der Revolution würde die Unterstützung und Beteiligung an der Revolution durch das Volk minimieren. ... Militarisierung würde die Revolution in eine Arena tragen, wo das Regime einen deutlichen Vorteil hat und die moralische Überlegenheit erodieren, die die Revolution seit ihren Anfängen charakterisiert hat.“ Die internationale Gemeinschaft muss Wege finden, den berechtigten zivilen und gewaltlosen Protest der Bürger und Bürgerinnen Syriens zu unterstützen.
Eine friedliche Lösung in Syrien wäre möglich. Die internationale Gemeinschaft müsste alles daran setzen, dass alle Kontrahenten an einen Verhandlungstisch kommen. Solange westliche Politiker eine Militärintervention nicht ausschließen und damit zu einem bewaffneten Aufstand ermutigen, wird dies erschwert. Eine Friedenslösung kann auch nicht geschehen, wenn Assad isoliert und umgangen wird. Frieden setzt nicht auf Kapitulation der gegnerischen Seite. Jedes Einlenken des Assad-Regimes auf eine Demokratisierung, auf Zugeständnisse zu einer Verfassungsänderung oder auf freie Parlamentswahlen kann als Hoffnungszeichen gesehen werden.
Primär gilt es jetzt, eine internationale humanitäre Hilfe (humanitärer Korridor) – ohne Militärintervention und mit Zustimmung von Damaskus – für die Not leidende Bevölkerung in Syrien zu organisieren. Damit verbunden braucht es unabhängige Beobachtermissionen, die weder mit russischen noch mit westlichen Interessen verknüpft werden könnten. Saudi Arabien mit seiner repressiven Politik und seinen westlichen Interessen sowie der sunnitischen Orientierung ist ein schlechter Vermittler in einem Land, das aufgrund seiner Partnerschaft mit dem Iran eine schiitische Option ergriffen hat. Neben den Vereinten Nationen könnten aber andere Staaten oder anerkannte Staatspersonen eine Vermittlerrolle einnehmen. Hier läge auch eine spezifische Rolle eines kleinen neutralen Landes wie Österreich.
Auf jeden Fall gilt: Gewalt ist keine Antwort, da sie grundlegendste Menschenrechte außer Kraft setzen würde. Kein zweites Libyen in Syrien! Nein zur Bewaffnung der Aufständischen, Nein zu Bürgerkrieg und Militärintervention! Ja zur Unterstützung der gewaltfreien Protestbewegung und zur Demokratisierung Syriens.


Beschluss des Vorstands von Pax Christi Österreich
18.2.2012

Syrien: gewaltfrei der Gewalt begegnen

Der Gewalt in Syrien gewaltfrei begegnen.
Vernetzte Handlungsansätze

  1. Feuerpause und Waffenruhe sind oberste Forderungen.
    1. Dies gilt für alle Konfliktparteien, sowohl für Regierung als auch bewaffneten Oppositionsgruppen (FSA)
    2. Sie muss zunächst bedingungslos sein.
      1. Sie funktioniert nicht, wenn sie verbunden ist mit Machtverzicht von Assad.
      2. Es kann nicht darum gehen, Assad „in die Knie zu zwingen“ (Politik der USA und der EU), sondern mit Assad nach einer „friedlichen Lösung durch Dialog“ zu suchen (Kofi Annan).
    3. Waffenruhe bietet Raum für humanitäre Hilfe:
      1. Sicherer und freier Zugang für Rettungs/Hilfsorganisationen und Menschenrechtsgruppen.
    4. Bürgerkrieg bedeutet für die Bevölkerung höchste Belastung, Zerstörung, Hunger, Vertreibung, Flucht, ...
  2. Vermittlungsmissionen auf oberster Ebene durchführen.
    1. Vermittlungsmissionen der Vereinten Nationen
    2. Durch andere internationale Organisationen
    3. Durch repräsentative Personen
      1. Hier liegt eine große Hoffnung im Engagement von Kofi-Annan als UN-Emissär für Syrien.
  3. Förderung von „Runden Tischen“ zwischen den Konfliktparteien in Syrien.
  4. Regimewechsel als Alternative
    1. So wie im Jemen, der Rückzug des jemenitischen Präsidenten gab den Weg frei für Wahlen.
      1. Auch im Jemen – Bürgerkriegssituation: schiitischer Norden gegen saudi-arabische Separatisten im Süden
    2. Regimewechsel muss von innen her kommen – auf demokratischem Weg!

  5. Keine militärischen Drohgebärden des Westens:
    1. beispielsweise kein Einsatz von US-Drohnen über syrischem Gebiet
  6. Keine militärische Aufrüstung der Aufständischen
    1. Auch wenn dies vom FSC gefordert wird.
    2. Kontrolle der Grenzen zu Syrien gegen Waffenschmuggler.
  7. Umfassende Problemlösungen im Mittleren Osten: Bürgerkriegssituation in Syrien ist Teil der großen Probleme im Mittleren Osten
    1. Israel-Palästina-Konflikt
    2. Keine weitere Auf- und Hochrüstung im Mittleren Osten
    3. Schaffung einer atomwaffenfreien Zone im Nahen/Mittleren Osten
    4. Keine militärischen Drohgebärden gegenüber dem Iran

(Dr. Klaus Heidegger,
Kommission für Sicherheit und Abrüstung von Pax Christi Österreich, Stand: 5.3.2012)

Sonntag, 12. Februar 2012

Energievandalen

Energievandalen

Energievandalen sind Menschen, die kostbare Energieressourcen für eigene Geltungs- und Vergnügungssucht verprassen. Oftmals sind sportliche Ambitionen oder sportliche Ereignisse die Ursache. So wird in der kältesten Jahreszeit der Rasen von Fußballstadien geheizt, damit Spiele auf grünem Untergrund passieren können. Finanzielle Kosten werden keine gescheut: Allein im Innsbrucker Tivoli-Stadion kostet ein Tag Rasenheizung 2500 Euro. Eine analoge Situation ist in fast allen Landeshauptstädten. Nicht eingerechnet sind die externen Kosten, wie die Folgen der Klimaerwärmung und des Kampfes um Energieressourcen. Öl- und Kohlekraftwerke, schrottreife Atomkraftwerke, alles steht bereit.
Energievandalen geben sich gerne sportlich. Sie fahren mit ihren SUVs Hunderte von Kilometern in Skigebiete. Die Asthmakranken im größten europäischen Luftsanierungsgebiet tragen die Kosten.
    Energievandalen sind Chaoten. Gebundene Energie wird in gigantischem Ausmaß in einen chaotischen Zustand verwandelt. Erderwärmung und Zerstörung der Ökosphäre sind die Folgen.
    Energievandalen sind Diebe, die auf Kosten der Ärmsten leben: Jener Menschen, die angesichts der steigenden Energiepreise in ihren Wohnungen frieren; jener Völker, die wegen des Kriegs um den Zugriff auf Ölvorräte in Angst und Schrecken leben.
    Energievandalen sind Hasardeure. Sie verursachen, dass neue Atomkraftwerke gebaut werden. Seit der Atomkatastrophe von Three Mile Island im Jahr 1979 wurden in den USA keine Atomkraftwerke mehr bewilligt. Nun werden neue Reaktoren gebaut. AKW-Dinosaurier in Frankreich und anderswo bleiben am Netz. Fukushima wird verdrängt, wird vergessen, obwohl die Katastrophe weniger als ein Jahr her ist.
Energievandalen sind Räuber. Sie sind schuld, dass für Treibstoffe riesige Anbauflächen in Ländern des Südens benützt werden, während ebendort Menschen zuwenig Nahrungsmittel haben und hungern.
Energievandalen haben einen unterentwickelten ökologischen Intelligenzquotienten. Nicht anders ist zu erklären, dass sie die Umwelt und damit ihre eigenen Lebensgrundlagen wider besseres Wissens zerstören. Ihr Horizont reicht bis zur nächsten Tankstelle und der Strom kommt sprichwörtlich aus der Steckdose.
Energievandalen haben Komplizen. Die Regierungen haben Pakte mit den ihnen geschlossen. Sie sind ihre Diener und werden bedient. Die Massen klatschen Beifall und nur dann, wenn Treibstoffpreise für ihre Tanks steigen, werden sie grantig. So kommt das Spar- und Steuerpaket der österreichischen Bundesregierung ohne ökologisch motivierte Steuerpolitik aus. Mineralölsteuererhöhung oder entsprechend höhere Besteuerungen für Ressourcenverbrauch und Landschaftszerstörung werden – aus Angst vor Stimmenverlust – aus kurzsichtigem Kalkül ausgeklammert. So werden in Österreich weiterhin 900.000 Firmen-Pkws steuerbegünstigt unterwegs sein, ein Steuerprivileg, das 1,6 Milliarden Euro an Fiskus-Einnahmen verhindert.
Umgeben von solchem Vandalismus ersehne ich die Alternativen, entdecke ich im Kleinen Menschen und Organisationen, die einen achtsamen Umgang mit den Energieressourcen pflegen. In der Kälte des Winters keimt schon eine neue Zukunft. Der Vandalismus wird eine Ende haben.

Dr. Klaus Heidegger