Freitag, 13. Juli 2012

Militärintervention in Mali: der Colt sitzt locker


Der Colt sitzt locker: Internationale Militärintervention in Mali?
Fundamentalistische und gewalttätige Islamisten zerstören in Mali uralte Kulturgüter, die unter dem Schutz der UNESCO stehen. Der Norden Malis ist unter Kontrolle der neuen islamistischen Herrscher. Wer nicht gehorcht, wird massakriert. Die Situation erinnert an Afghanistan oder Somalia. Fast eine halbe Million Menschen sind auf der Flucht. Eine humanitäre Tragödie bahnt sich an. Die Regierung von Mali scheint ohnmächtig zu sein. Der in den USA militärisch ausgebildete Staatschef von Mali kam erst vor ein paar Monaten durch einen Militärputsch an die Macht. Und wieder überlegen nun US-Militärs den Einsatz ihrer Drohnen und drängt Frankreich auf eine militärische Intervention, noch lange bevor es einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates gibt. Implizit steht im Hintergrund: Responsibility to Protect (R2P) ohne UN-Mandatierung. Die Welt scheint sich daran gewöhnt zu haben. Ein militärisches R2P dürfte es aber laut UN-Vorgaben nur dann geben, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft wären, wenn es Aussicht auf Erfolg gäbe, wenn die zu erwartenden Verluste und Zerstörungen nicht unverhältnismäßig wären und wenn es ein entsprechendes Mandat seitens der UNO gäbe. Keines der Kriterien ist jedoch derweilen erfüllt worden. Es wäre Zeit, wenn die internationale Gemeinschaft mit allem Nachdruck zunächst die vielfältigen Methoden der nichtmilitärischen Konfliktintervention erwägen und ausführen würde, bevor auf den Einsatz der militärischen Mittel zurückgegriffen wird. In diesem Sinne kann die UN-Sicherheitsratsresolution 2056 (2012) interpretiert werden, die keine Mandatierung für eine Militärintervention vorsieht, sondern zu einer politischen Lösung drängt. Eine solche könnte beispielsweise eine Teilautonomie im Norden Malis sein, bei der die territoriale Integrität des Landes erhalten bliebe.
Militärinterventionen sollten – wenn überhaupt – stets an letzter Stelle stehen. Die vergangenen Jahrzehnte militärischer Interventionen – Irak, Afghanistan, Somalia, Libyen – haben gezeigt, dass mit militärischer Einmischung von außen kein Staat und kein Frieden zu machen sind, dass jedoch damit stets unendlich viel menschliches Leid, Zerstörung und Vergeudung von Ressourcen verknüpft sind. Frankreich ist aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit und seiner Interessen in der Region zu militärischer Zurückhaltung verpflichtet. Eine französisch-amerikanisch dominierte Intervention würde den islamistischen Kräften und den Tuareg-Rebellen nur neuen Vorwand für ihre terroristischen Aktivitäten geben.
Auch Libyen ist kein Beispiel für eine gelungene Intervention von außen angesichts von 30.000 Opfer des Kampfes um die Macht in Libyen, einem bis heute tief gespaltenen Land, das stets am Rande eines neuerlichen Bürgerkriegs steht, und einer immer noch zerstörten Infrastruktur. Die Tausenden traumatisierten Tuareg-Kämpfer, die auf Seiten Gaddafis gekämpft hatten und nach dem Machtwechsel aus Libyen in den Norden Malis geflohen sind, führen nun ihren Krieg in einem anderen Land weiter. Gewalt gebiert neue Gewalt. Aus der Gewalt führt nur der Weg der Gewaltfreiheit.
Dr. Klaus Heidegger, Kommission für Pazifismus und Antimilitarismus von Pax Christi Österreich

Dienstag, 3. Juli 2012

Ein katholischer Hardliner wird Chef der Glaubenskongregation


Ein katholischer Hardliner wird Chef der Glaubenskongregation

Ist mein Titel zu unversöhnlich gewählt? Darf ich von einem Hardliner sprechen oder ist dies beleidigend? Jemand, der ihn genauer kennt, Hans Küng, bezeichnet ihn jedenfalls als „bornierten Scharfmacher“, der als Chef der Glaubenskongregation „fehl am Platz sei“. Fakt ist, dass der soeben vom Papst ernannte Regensburger Bischof Gerhard Müller sich in den vergangenen Jahren vor allem als Kirchenmann einen Namen gemacht hat, der mit unversöhnlicher Härte gegen Kirchenreformen und Kirchenreformer und Kirchenreformerinnen aufgetreten ist. Der neue starke Mann im Vatikan wird eine tief gespaltene Diözese hinterlassen, obwohl doch die vatikanischen Spitzenmänner permanent von „Einheit“ sprechen. Der persönliche Freund des Papstes und bayerische Landsmann wird als Präfekt der Glaubenskongregation in Hinkunft das dritthöchste Amt der katholischen Kirche bekleiden. Der Begriff „bekleiden“ passt optimal für Männer, die sich in erzbischöfliche und bald wohl auch kardinalische Herrschaftsgewänder begeben und sich mit Exzellenz oder Eminenz betiteln lassen. In seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation wird Erzbischof Müller zugleich als Vorsitzender der Internationalen Theologenkommission und der Bibelkommission maßgeblich die Linie der römisch-katholischen Kirche vorgeben können.
Fakt ist, dass im Bistum Regensburg die Zahl der Katholiken um 100.000 zurückgegangen ist, rund 10 Prozent der Gesamtkatholikenzahl. Es passt zum Konzept der „kleinen Herde“, die gehorsam der „reinen Lehre“ folgt. Reformgruppen wurden von Bischof Müller erst kürzlich beim Deutschen Katholikentag als „parasitäre Existenzform“ in der Kirche bezeichnet, eine Wortwahl, die an eine verhängnisvolle Zeit der deutsch-österreichischen Geschichte erinnert. Unschwer zu erkennen ist die Tatsache, wie Kirchenmänner in der Benedikt-Kirche Karriere machen können durch radikale Ablehnung der Forderung nach Frauenordination oder Aufhebung des Zölibats, unverbrüchliche Papsttreue und Härte gegenüber Kirchenkritikern. Kirchenkritische Kräfte in seiner Diözese wurden ausgegrenzt oder abgesetzt. Es ist zu hoffen, dass sich bei der Bestimmung der kommenden Bischöfe in Österreich nicht auch diese Strategie durchsetzen wird. Mit Gerhard Müller in der neuen vatikanischen Schlüsselposition mag diese Hoffnung wenig Grundlage haben, wäre da nicht auch die Zuversicht, dass Gottes Geist in der Kirche stärker werden kann als der miefig-reaktionäre Kirchengeist des Vatikans.
Dr. Klaus Heidegger, Religionslehrer

Montag, 2. Juli 2012

Römische Einheitsideologie gegen Reformbemühungen


Römische Einheitsideologie gegen Reformbemühungen
Die Worte des Dekans von Lienz geben Hoffnung. Bernhard Kranebitter nimmt einen seiner Mitbrüder im Osten Österreichs in Schutz, der als Dekan von Kardinal Schönborn nicht akzeptiert worden ist, weil er am „Aufruf zum Ungehorsam“ der Pfarrerinitiative festhält. Damit beginnt der jüngste Beschluss der Bischofskonferenz nun umgesetzt zu werden. Von Feldkirch bis Eisenstadt soll gelten: Wer Dekan wird, kann nicht zugleich Mitglied der Pfarrerinitiative sein. Die heimischen Bischöfe argumentieren ihre geschlossene Vorgangsweise mit dem Ruf nach „Einheit“, unterstellen damit, es sei die Pfarrerinitiative, die mit ihrem Ungehorsamsaufruf die Einheit gefährde. Sie meinen eine Einheit, die gleichzusetzen ist mit Unterordnung unter die Weisungen Roms. Über die Zulassung von Frauen zum Priesteramt dürfe nicht geredet werden, so die Weisung Roms beispielsweise, und das soll eben bis in die kleinsten Verwaltungseinheiten der Kirche hinunter gelten. Einheit als Top-down-Modell, als Befehl-Gehorsams-Kette, als unkritische Loyalität.
Einheit ließe sich auch anders leben. Als Einheit in der Vielfalt. Eine Kirche, in der geschwisterlich Meinungsunterschiede ausgetragen werden, ohne dass ein Bischofsstab zum Disziplinierungsinstrument Roms wird. Vor allem aber stellt sich die Frage, wer tatsächlich Spaltungen in die Kirche hinein regiert. Sicherlich nicht ein Dekan, der Tag für Tag in seinem priesterlichen Tun im Dienst der Einheit der Kirche steht und nicht die Unversöhnlichkeit praktiziert, die im Stile von Kardinal Schönborn sichtbar wird. Würde tatsächlich das Kriterium gelten, dass Dekane im Dienste der Einheit stehen sollen, dann würden die Dekane der Pfarrerinitiative dieses jedenfalls sicherlich so viel mehr erfüllen als jene, die durch ihr starres Festhalten an reaktionären Strukturen - wie Pflichtzölibat, Ausschluss der Frauen von priesterlichen Ämtern, Ausschlusskriterien vom Empfang der Hl. Kommunion - Spaltungen in der Kirche bewirken. Die Amtsführung von Kardinal Schönborn wird dazu führen, dass sich mehr und mehr Gläubige von der Kirche verabschieden. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich Bischof Manfred nicht diesem Stil anschließt und weiterhin auch den ungehorsamen Dekanen in seiner Diözese den Rücken stärkt.
Dr. Klaus Heidegger, Religionslehrer


Samstag, 23. Juni 2012

Weltblick mit Bangen


23. Juni 2012
Weltblick mit Bangen und leisem Hoffen
Wieder starben in den letzten Tagen weit mehr als 100 Menschen im Bürgerkrieg in Syrien, ein Krieg, den viele Staaten mit zu verantworten haben. Russland, das bis zum heutigen Tag dem syrischen Regime aus strategischen Gründen Kriegsmaterial geliefert hatte; die „Freunde Syriens“ – gemeint sind die USA, Saudi Arabien, Katar, Frankreich und die Türkei – die ebenfalls aus strategischen Eigeninteressen die Rebellenseite militärisch und finanziell für einen blutigen Krieg aufmunitioniert haben und weiterhin militärische Hilfestellungen geben. Der Krieg wird genährt, Menschen verhungern. Das offizielle Österreich schaut zu. Die Massen Europas lenken sich von den Grauslichkeiten des Alltags durch die Fußball-EM ab. Die Staatschefs der hoch verschuldeten Staaten Europas, Merkel, Monti, Hollande & Co, setzen weiterhin auf Strategien, die zur Krise geführt haben und den globalen Ökokollaps herbeiwirtschaften. Staatsanleihen werden genommen und die Geldhaie streifen die fetten Zinsen ein, darunter vor allem die Profiteure des militärisch-industriellen Komplexes und der Ölmultis. Wir einzelnen tragen zu all dem bei mit unserem ölhungrigen Lebensstil, immer dann, wenn unsere Autos mit Ölprodukten gefüttert werden. Rio+20 scheitert und wenn Rio+40 sein wird, würde bei gleich bleibender Entwicklung die Weltbevölkerung bei 9 Milliarden angekommen, der Globus um weitere 2 Grad aufgeheizt, Hunderttausende Kubikmeter arktisches Eis geschmolzen und Pazifikinsel verschwunden sein. Die ausgebreiteten Arme von Christo Redentor über der Megacity von Rio greifen ins Leere, wenn es den Menschen nicht gelingt, den Klimawandel zu stoppen, Tropenwälder zu retten und einen nachhaltigen Lebensstil zu wagen.
            SchülerInnen eines Gymnasiums machten mit einem politischen Flashmob in Innsbruck darauf aufmerksam, dass alle 12 Sekunden ein Kind verhungert. Einige wenige von Hunderttausenden planen einen Sommerurlaub ohne Auto und Flugzeug. Widerstandsfähige Pflanzen durchbrechen den Asphalt.


Samstag, 16. Juni 2012

Herz-Jesu und Politik


„Auf zum Schwur Tirolerland, heb zum Himmel ...“ –
Politische Gedanken zum Herz-Jesu-Sonntag 2012

von Klaus Heidegger

Was hat das Herz Jesu mit Politik zu tun? Oder umgekehrt gefragt: Was hat Politik mit dem Herzen Jesu zu tun?

Das Herz Jesu schlägt für die Politik.

In unserem Land drängt sich ein historischer Einstieg in die Betrachtung der Herz-Jesu-Verehrung auf. Franzosenkriege und Herz-Jesu-Verehrung erscheinen als untrennbares Paar. Vor dem geistigen Auge erscheint Andreas Hofer, der mit dem Schwur auf das Herz Jesu seine Männer in die Schlachten kommandierte. Seither lässt sich Herz-Jesu-Verehrung von Schützentum und antiaufklärerischen Politikinhalten nicht mehr trennen. Aus heutiger Sicht kann Hofer, Speckbacher, Haspinger & Co ein Missbrauch der Herz-Jesu-Verehrung und des Religiösen für militärisches Abenteurertum vorgehalten werden. Eine kritische Geschichtsbetrachtung ist in einem Land notwendig, wo Andreas Hofer quasi zum Volksheiligen erwählt wurde. Also eine Entpolitisierung der Herz-Jesu-Andacht?
            Nein: Die bewusste und explizite Verbindung von Politik mit religiösen Ideen und Praktiken ist notwendig. Geschieht diese Verbindung nicht, dann verkommt Religion allzu leicht zu einem Opium des Volkes, zu einer schöngeistigen Idee ohne weltgestaltende Kraft. Geschieht diese Verbindung nicht ausdrücklich, dann können religiös-kirchliche Kräfte zwar beteuern, doch nicht politisch sein zu wollen, in Wirklichkeit aber durch eine nach außen deklarierte Antipolitik eine Stütze der herrschenden politischen Verhältnisse darstellen. Religion hat mit Politik zu tun. Insbesondere sind daher auch religiöse Praktiken politische Artikulationen und Quellen politischer Schöpfungskraft. Dies gilt genauso für die Herz-Jesu-Verehrung.

Herz Jesu als Ausdruck der Menschlichkeit und Leiblichkeit Gottes
Die Wurzeln der Herz-Jesu-Verehrung reichen in die Ursprünge der Christenheit zurück. Das Herz Jesu war Symbol dafür, dass Christus wahrer Mensch geworden ist. Ein Gott mit Haut und Haaren. Ein Gott zum Angreifen. Keine bloße Scheingestalt. Keine pure Idee. Keine blutleere Abstraktion. Nein, ein Gott mit menschlichen Zügen in der Gestalt des Menschen Jesus von Nazaret. Besonders der Evangelist Markus schildert dessen zutiefst menschlich-leiblichen Gefühle: Jesus hatte Hunger und Durst - er war daher ein Gott, der voll an seinem eigenen Körper die Notlage seiner Landsleute erspüren musste. Jesus konnte so müde sein, dass er selbst bei schwerem Seegang im Boot einschlief. Jesus war furchtbar wütend, als er die Händler aus dem Tempel schmiss und er schwitzte Blut - Ausdruck seiner Angst vor der kommenden Marter. Jesus weinte, als er das Unglück Jerusalems herankommen sah. Das Herz Jesus fasst all diese leiblichen Gefühle und Regungen zusammen. Ein theologischer Stehsatz lautet ungefähr so: Weil Gott ganzer Mensch wird, ist der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit zu Gottes Ebenbild gemacht. Der Mensch mit Leib und Seele ist wertvoll - und als Zentrum des Leibes gilt das Herz. Wer dies ernst nimmt, ahnt die Konsequenzen.
            Wenn die körperliche Integrität jedes Menschen geachtet würde, dann müsste es jedem Christenmenschen weh tun, wenn Flüchtlinge an den EU-Grenzmauern scheitern. Fast zeitgleich mit dem Herz-Jesu-Fest wird der Internationale Tag des Flüchtlings am 20. Juni gefeiert. Wenn die ganze Menschlichkeit der Schubhäftlinge geachtet würde, dann würde Aufruhr in diesem Land entstehen – anders als der Aufruhr zwar unter Andreas Hofer. Christlichkeit hat sich daher zu materialisieren in materielle Hilfe, sei es auf der Ebene der Caritas oder auf der Ebene der Sozialpolitik. Konkret: Ich komme von einer Herz-Jesu-Andacht ohne Umschweife zum Engagement für sozialpolitische Anliegen. Wenn ein ausländischer Arbeiter sich um wenig Geld krank rackern muss, wenn besonders Kinder als eine Folge der unverantwortlichen Zerstörung der Schöpfung sich vor Sonnenstrahlen schützen müssen, oder gar wenn irgendwo in einem der vielen kriegerischen Konflikte die Leiber und Herzen geschändet werden, dann blutet auch heute noch das Herz Jesu. So führt eine recht verstandene Herz-Jesu-Verehrung nicht vom Menschen weg, sondern zum Menschen hin. Somit gilt: Die Verehrung des Herzens Jesu kann dazu beitragen, die materielle Seite des Menschlichen ernst und wichtig zu nehmen.

Herz Jesu als Zeichen unbedingter Liebe
Es ist überflüssig festzuhalten, dass das Herz DAS Symbol für Liebe ist. Doch geht es nicht um irgendeine Liebe. Sie hat eine possessive Zuordnung. Es ist die Liebe Jesu, um die es sich dreht. Das Herz Jesu andächtig verehren heißt dann auch, sich auf die Dimension der Liebe Jesu einzulassen. Die ist mehr als ein zärtliches Gefühl jenen gegenüber, die mir sympathisch sind. Sie umfasst auch jene in ganz besonderer Weise, die eigentlich meine "Feinde" sind, die mir gegenüber negativ gesinnt sind. Das christliche Reizwort lautet "FEINDESLIEBE". So könnte eine andächtige Verehrung des Herzens Jesu bewirken, dass ich mich von seiner Feindesliebe anstecken lasse. Sie ist eine gewaltfreie Liebe, die Eisberge voller Hass und Entzweiung zum Schmelzen bringen könnte, die Spiralen der Gewalt jäh unterbrechen und Auswege der Entfeindung anbieten könnte. Mit Blick auf das Herz Jesu öffnen sich die Geschichten dieses galiläischen Wanderpredigers. Immer wieder geht Jesus offensiv gerade auf jene zu, die quer zu den Interessen seines Volkes und der religiösen Tradition leben: Er lässt sich vom Zöllner Zachäus einladen; er ist bei einem römischen Hauptmann, dem Kommandanten einer Armee, die mit brutalsten Mitteln das jüdische Volk unterjochte. Hinter den Rollen und Funktionen sah Jesus aber stets das Herz und erkannte das sehnsüchtig suchende Herz des Zachäus und den Hauptmann in seinem Leiden um seine Tochter.

Herz Jesu als notwendige Zentrierung
Zählt in der vorherrschenden Leistungsgesellschaft das Herz? Unser Leben ist primär bestimmt von einer kapitalorientierten Ökonomie, einem Verdrängungswettbewerb. Ideologisch vordefinierte Schönheit, Stärke, Wissen, Macht, Reichtum, Erfolg sind die dominierenden Parameter, um soziale Anerkennung zu bekommen. Wer hingegen herzorientiert statt leistungsorientiert lebt, für den oder die tun sich andere Dimensionen auf. Da sind wir dann in der Welt der jesuanischen Gleichnisse, beim barm-HERZ-igen Samariter zum Beispiel, der nicht wie der fromme Priester und pflichtgetreue Tempeldiener die Not seines Mitmenschen übersah. Da sind wir in der Welt des barm-HERZ-igen Vaters, der seinem Sohn die Fehltritte nicht moralisierend vorhält oder bei den Arbeitern im Weinberg, die nicht nach berechenbarer Leistung entlohnt werden. Eine Herzorientierung öffnet uns vor allem aber die Welt der Frauen um Jesus: Die Welt einer Mirjam von Magdala, die um ihren geliebten Herrn weinen konnte und in ihrer übergroßen Verzweiflung den Auferstandenen erspürte. Wir sind bei Maria von Betanien, die ihr Herz mit Jesus teilte. Wenn wir nun herzorientiert leben, dann blicken wir zuerst auf das Herz eines Menschen statt auf seine akademischen Grade und Titel. Das Herz wird wichtiger als die dicke Brieftasche und der angesehene Beruf. Die Schönheiten der Behinderten werden mit Blick auf deren Herz erschlossen. Es geschieht eine Umwertung. Von "Umkehr" sprach der Mann, dessen Herz wir verehren.
            Wer heute mit Kindern zu tun hat, wer sich auf deren Erfahrungswelt einlässt, der oder die weiß, was Herzorientierung bedeutet. Kinder werten andere Menschen primär nach deren Herzensqualität. Ein Kind öffnet sich nicht einem Erwachsenen, weil diese Person etwa viel weiß, viel besitzt, mit besonderen Leistungen aufwerten kann. Die HERZ-lichkeit ist das, was in den Begegnungen von Kindern mit Erwachsenen zählt. Jesus hat daher bewusst ein Kind in die Mitte gestellt, das Kindsein zum Maß-Stab des Christlichseins genommen.

Das Herz des biblischen Jesu
Und wie kommen wir zu dieser Achtung des Menschlich-Leiblichen, dieser Feindesliebe und Herzorientierung. Von "Imitatio Dei", "Nachahmung Gottes", sprachen christliche Theologen und Theologinnen. "Nachfolge" nannte es Jesus in der religiösen Sprache seines Volkes. Wenn ich nun den biblischen Jesus und den historischen Jesus von Nazaret als Maßstab nehme, dann kann die Herz-Jesu-Verehrung zu einer befreienden Praxis verhelfen. Sie dient dann nicht der Konservierung bestehender ungerechter Verhältnisse, sondern revolutioniert uns zum Aufbruch in das Reich Gottes. Die negative Verquickung von Herz-Jesu-Verehrung mit der Stützung der politisch-klerikal-militärisch-wirtschaftlichen Elite von Tirol wird nicht dadurch durchbrochen, dass wir diesen Kult entpolitisieren. Das Leitbild sollte hingegen lauten: Re-politisieren wir die Herz-Jesu-Verehrung im Sinne der befreiungstheologischen Impulse und aus einer vorrangigen Option für die Verarmten hier und in der Dritten Welt. Wenn uns dies nicht gelingt, dann vergessen wir lieber auf die Herz-Jesu-Symbolik. Wenn wir sie nicht befreien können von dem Missbrauch für kriegerische Zwecke, beginnend mit Andreas Hofer und dem Kriegsjahr 1796, dann überlassen wir das Gebet zur Herz-Jesu-Bundeserneuerung jenen, die mit einer Politik des Weiter-so nicht bereit für grundlegende Veränderungen orientiert am Maßstab des Herzens sind.

Herz-Jesu-Verehrung als Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Gewalt
Herz-Jesu-Bergfeuer brennen zu Beginn des Herz-Jesu-Sonntags. Ein typisches Bild für Tirol. Zeichen der Verbundenheit mit Christus sind die Feuer, die da an einem Frühsommerwochenende von Berggipfeln und Bergkämmen ins Tal zu den Menschen herunter funkeln. 1796 gab es keine modernen Kommunikationsmittel. Die Feuer waren Signalfeuer für den Landsturm. Mit Bergfeuern machen heute Umweltschutzgruppen auf die drohende Zerstörung des Alpenraumes aufmerksam. Warnfeuer. Es sind vor allem die Kinder, die heute angesichts der Zerstörung der Umwelt kaum mehr verkraftbaren Schädigungen ausgesetzt sind. Sinnbild unserer Zeit sind Ozonwarnungen zur Sommerzeit und Hinweise, Kleinkinder zu bestimmten Zeiten an bestimmten Tagen nicht dem Sonnenlicht auszusetzen. All dies wissend, werden von den Mächtigen im Land nach wie vor Autobahnspuren dazu gebaut, wird der Verkehrsfluss erleichtert statt rigoros eingedämmt. Herz-Jesu-Andachten sollten sich heute um diese Wirklichkeiten nicht herumdrücken. In diesem Sinn soll gelten: Auch Herz-Jesu-Feuer sind zu Warnfeuer geworden.

Aufruf zur Herz-Jesu-Bundeserneuerung
Eine "Herz-Jesu-Bundeserneuerung" tut daher not. Als politisch bewusste Menschen können wir das alte Herz-Jesu-Gebet sprechen. Wenn wir um den Segen für unsere Familien und unser Land beten, dann auch darum, dass sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene ohne provinzielle Repressionen, ohne krankmachende Regelungen und leistungsorientierte Vorgaben frei entfalten können. Daher brauchen wir Kindergärten, Schulen und Spielplätze, wo die Bedürfnisse der Kleinen unserer Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Wenn wir um Stärke zum Guten beten, dann auch darum, dass wir Kraft zum Widerstand haben gegenüber dem, was uns kaputtmacht. Die Transitlawine nur als ein Beispiel. Wenn wir um Hilfe zum Dienst in Gerechtigkeit und Frieden bitten, dann kann schon die Tat beginnen, zum Beispiel der Einsatz für gewaltfreie Friedensdienste. Wenn, wie es schließlich im Herz-Jesu-Gebet heißt, unser Land nach dem Willen des Herzens Jesu gestaltet sein soll, dann wird der ganze Veränderungsbedarf der politischen Wirklichkeiten greif- und fühlbar. Dann sehen wir auch die Zigtausenden kleinen und großen Wirklichkeiten, die heute schon, zumindest ansatzweise, dem Willen Jesu konkrete Gestalt geben. Wer sich dem Herzen Jesu anvertraut, wird nicht zur Waffen greifen, sondern die Hand zur Versöhnung reichen. "Darum bitten wir dich um der Liebe deines Herzens willen."

Montag, 11. Juni 2012

Keine Militärintervention in Syrien!


Verantwortung zur nichtmilitärischen Intervention in Syrien:
Keine Militärintervention in Syrien – Ja zum Kofi-Annan-Plan

„Responsibility to Protect“ (R2P) heißt auf weltpolitischer Ebene jene Formel, mit der die internationale Gemeinschaft, autorisiert durch einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates, in einem Staat intervenieren könnte, um den Schutz von Menschen und Bevölkerungsgruppen zu erreichen, die von massiven Menschenrechtsverletzungen oder Gewalttaten betroffen sind. Diese Formel wird mit Blick auf die Lage in Syrien von Politikern und Diplomaten in den westlichen Staaten immer wieder in Erwägung gezogen – und wären da nicht Russland und China, die als permanente Sicherheitsratsmitglieder mit einem Veto eine entsprechende Resolution verhindern können, wäre eine R2P-Resolution zur Intervention in Syrien wahrscheinlich längst beschlossen worden. Die Art und Weise, wie vor mehr als einem Jahr die Resolution 1973 zur Errichtung einer Flugverbotszone gegenüber Libyen von Frankreich, den USA und weiteren Staaten in der „Koalition der Willigen“ interpretiert worden war und zum massiven Krieg gegen Gaddafi umfunktioniert wurde, lässt jedoch Vorsicht gegenüber dem UN-Konzept von R2P aufkommen. Wieder könnte es benützt werden, um diesmal einen Krieg gegen Bashar al-Assad und seine Armee zu führen.
            Die Vereinten Nationen und der Sicherheitsrat könnten jedoch auch anders: Kofi Annan versucht es mit der Umsetzung des Friedensplans in Syrien. Unbewaffnete Beobachtermissionen wurden entsandt und der UN-Sondergesandte bemüht sich, dass alle Konfliktparteien zu Gesprächen an einem Tisch versammelt werden. So könnten Kampfhandlungen beendet und Wege zu einem Frieden geöffnet werden. All diese Maßnahmen zählen auch zu jenem umfassenden Konzept, in dem sich R2P befindet. Internationale Schutzverantwortung ist so viel mehr als militärische Intervention. Eine solche, so die Vereinten Nationen in ihren Grundsatztexten, könnte nur als allerletztes Mittel ergriffen werden, nur wenn es Aussicht auf Erfolg gäbe, nur wenn eine Verhältnismäßigkeit der Mittel garantiert werden könnte, nur wenn die Betroffenen vor Ort dies repräsentativ verlangen würden und nur wenn dies vom Sicherheitsrat als Artikel VII-Maßnahme der UN-Charta beschlossen würde. Mit Blick auf solche Vorgaben ist es naheliegend, zum Schluss zu kommen, dass weder gegenwärtig noch zukünftig internationale Militärmaßnahmen gegenüber Syrien legitimiert werden könnten.
Der bewaffnete Kampf oppositioneller Gruppierungen trägt Mitschuld an den Massakern und verhindert eine friedliche Lösung. Es zeigt sich, dass gerade in den Städten und Ortschaften, in denen die militanten Widerstandsgruppen operieren – wie den Städten Homs, Mazraat und Hous – sich die meisten Opfer befinden und die größten Menschenrechtsverletzungen geschehen. Gewaltsam-militärischer Widerstand führt zur Aufschaukelung der Gewalt. Terroristische Gruppen nützen dies aus, um Chaos zu erzeugen und so den geistigen Boden für eine militärische Intervention von außen zu bereiten. Daher ist eine der ersten Forderungen an die internationale Gemeinschaft, insbesondere die Nachbarstaaten Syriens, Waffenlieferungen an die bewaffneten Verbände, beispielsweise an die so genannte „Freie Syrische Armee“, zu unterbinden. Dies könnte durch strenge Grenzkontrollen gelingen. Gerade das Gegenteil geschieht jedoch. Islamistische Gruppierungen aus anderen Ländern geben islamistischen Kräften in Syrien militärische und waffentechnologische Unterstützung, um ihre eigenen Interessen durchzubringen. Dies passiert insbesondere über die Schabiha-Milizen, die die Vorherrschaft einer extrem-sunnitischen Richtung im arabischen Raum anstreben und daher die alawitische Glaubensrichtung bekämpfen. Die US-Regierung könnte hier beispielsweise Druck auf Saudi-Arabien und andere Golfstaaten wie Katar ausüben, die in erster Linie den sunnitischen Verbänden in Syrien Zugänge zu Waffen und Finanzhilfen geben.
Die jüngsten Massaker in syrischen Ortschaften werden genützt als Vorwand oder Anlass, um eine militärische Intervention durch die „Freunde Syriens“ zu rechtfertigen. Ähnliches geschah 1999 nach dem Massaker in Racak, dem die NATO-Intervention in Jugoslawien folgte, sowie dem Massaker in Ost-Bengasi, das als Anlass zum Krieg gegen Libyen genommen wurde. Längst schon ist erwiesen, dass auch die Rebellenseite nicht vor grausamen Hinrichtungen zurückschreckt. So sollen bei dem Massaker in Houla am 25. Mai nicht, wie dies von den westlichen Medien als Propaganda gegen Assad verwendet wurde, sunnitische Zivilisten ermordet worden sein, sondern fast ausschließlich Angehörige von Alawiten, also Gefolgsleuten des Regimes von Assad. Wem dient es, dass jedes Massaker sofort in die Verantwortung von Assad und seinen Truppen gelegt wird? Warum geschah das jüngste Massaker gerade am Vorabend des Tages, an dem im UN-Sicherheitsrat der Annan-Bericht zur Diskussion stand?
Die Bilanz des 10-jährigen Krieges in Afghanistan zeigt, dass mit Waffengewalt – auch wenn sie mit höchstem Aufwand geschieht – eine bürgerkriegsähnliche Situation von außen nicht bewältigt werden kann. Daher gilt es alle nur denkbaren nicht-militärischen und politischen Maßnahmen zu ergreifen, um das Blutvergießen in Syrien zu stoppen. Das bedeutet beispielsweise ein deutliches Aufstocken der Beobachtermission (UNSMIS) auf bis zu 2000 Personen. Diese ist bis jetzt nicht gescheitert, weil sie vom Ansatz her falsch wäre, sondern weil sie mit zu wenig Aufwand ausgestattet wurde. Die Staaten dieser Welt hätten genügend Fachkräfte zur Verfügung, um eine solche Aufgabe zu bewältigen. So könnten wirklich an allen Orten des Landes unabhängige Beobachter eine Konfliktverminderung erreichen und würden auch zu einer objektiven Einschätzung der Lage beitragen, was zudem einer oftmals einseitigen Berichterstattung entgegen laufen würde. Genauso wenig ist der Sechs-Punkte-Plan von Kofi Annan, der vom UN-Sicherheitsrat in den Resolutionen 2042 und 2043 angenommen worden ist, weder gescheitert noch hinfällig, sondern wurde bislang von beiden Seiten torpediert. Es gilt daher weiterhin, von allen Seiten eine Umsetzung dieses Plans zu verlangen, wie dies von UN-Generalsekretär Ban-Ki-Moon oder Ländern wie Indien, Brasilien und Südafrika gefordert wird. Begrüßenswert ist auch die Idee einer UN-Syrien-Konferenz.
Mehr als 10.000 Tote in Syrien seit Beginn des Aufstands vor 15 Monaten, einige Zehntausend Flüchtlinge und Vertriebene: Es ist bereits viel zu viel Blut geflossen und Zerstörung geschehen. Daher braucht es mehr Mut und Phantasie seitens der internationalen Gemeinschaft, um dem Töten und Sterben ein Ende zu bereiten. Militärische Mittel – von welcher Seite auch immer – sind jedoch stets Öl ins Feuer der Vernichtung. Hunderttausende Tote und Verletzte der Kriege gegen den Irak und Libyen zeigen: Nie wieder Krieg!

Dr. Klaus Heidegger,
Arbeitsgruppe Pazifismus und Antimilitarismus von Pax Christi Österreich
(11. Juni 2012)



Montag, 28. Mai 2012

Pfingsten als soziale Revolution


Pfingsten als soziale Revolution!

Eine Pfingstpredigt zu den Lesungen des Pfingstfestes

von Klaus Heidegger


Haben Sie genau auf die Lesung und das Evangelium des Pfingstfestes hingehört, auf die zwei unterschiedlichen Darstellungen des Pfingstwunders, wie es vom Evangelisten Johannes überliefert wurde und wie es Lukas in seiner Apostelgeschichte schildert? Die beiden Textstellen sind zwei verschiedene Versionen des Pfingstwunders. Wie ist Ihre Stimmung? Begeistern Sie beide Textabschnitte? Denken Sie sich innerlich „wau!“ oder - in der heutigen Jugendsprache – „das ist cool!“? Werden Sie von den Textstellen berührt? Wecken sie positive Gefühle oder Ärger? Sind sie eine Ermutigung? Oder ist es Ihnen wie uns so oft ergangen: Wir haben einfach beide Stellen über-hört. Die Worte sind vorbeigeplätschert, ohne uns tränken zu können.
Unglaubliches, Unfassbares ist da geschehen, in der Hauptstadt Judäas, in Jerusalem, zur Zeit der Weltherrschaft des Kaisers Tiberius, etwas mehr als 50 Tage, nachdem Jesus von Nazaret als Rebell und Aufrührer auf grausame Weise hingerichtet worden war und seinen Jüngern und Jüngerinnen als Auferstandener begegnet war. Was ist geschehen? Immer noch geschockt von den Ereignissen sitzen die Jünger und Jüngerinnen hinter verschlossenen Türen zusammen. Ja, sie wissen: Jesus ist auferstanden. Jesus ist ihnen auch schon erschienen. Ihre Angst ist damit nicht gewichen. Das Trauma von Jesu Hinrichtung sitzt ihnen tief in den Knochen. Es war ein brutaler, ein feiger Mord, typisch für die römischen Besatzungstruppen, die das Land mit äußerster Gewalt unter Kontrolle hielten. Abertausende sind von den römischen Soldaten gekreuzigt worden; jüdische Mädchen und Frauen sind misshandelt oder als Sklavinnen verkauft worden. Jene, die mit Jesus gezogen sind, sind weiterhin gefährdet. Da hocken nun die Jünger und Jüngerinnen in einem armseligen Haus in Jerusalem zusammen. Wir kennen einige ihrer Namen. Es sind durchwegs Leute der Unterschicht. Da war der Jünger Bartimäus. Als blinden Bettler hatte ihn Jesus in die Nachfolge berufen. Weit unter dem Existenzminimum hatte er gelebt. Oder der Bruder von Jesus, Jakobus, oder die Söhne des Zebedäus, und Petrus und Andreas, ehemals Fischer aus dem Norden des Landes. Und natürlich sind da auch die Frauen, die Galiläerin Maria von Magdala, eine besondere Gefährtin von Jesus, und da sind Maria und Martha aus Betanien, Maria, die Mutter Jesu, und noch viele andere. Sie alle waren ohne Sozialprestige, ohne gesellschaftliches Ansehen, ohne materielle Sicherheiten. Sie kannten die Not in Palästina aus eigener Erfahrung und als Betroffene. Sie wussten von der groben Ungerechtigkeit. Die Botschaft ihres Meisters öffnete ihnen die Augen, um die Ausbeutungsverhältnisse zu durchschauen. Sie träumten als Juden und Jüdinnen zugleich von einem messianischen Gottesreich, in dem - wie es Maria so wunderbar besang - die Herrschenden vom Thron gestürzt, die Habenichtse aber emporgehoben werden. Wer solche Träume und politische Ziele hatte, galt als gefährlich. Jeden Moment mussten die Jünger und Jüngerinnen Jesu damit rechnen, dass sie ebenfalls – wie Jesus – als „Revoluzzer“ und Unruhestifter verurteilt werden konnten. Kein Wunder also, dass sie vorsichtig waren, dass sie sich nicht hinaus wagten. Da aber geschah das Unerwartete. Da ereignete sich Pfingsten, in diese Situation von Verzagtheit und Angst und Furcht hinein. Verzagtheit wird durch Mut ersetzt, Angst durch Zuversicht und Furcht durch Furchtlosigkeit abgelöst. Das ist Pfingsten. Das ist die Gabe des Geistes.
Die Konsequenzen sind unübersehbar. So plötzlich streifen die Jünger und Jüngerinnen ihre Ängste ab. Sie haben ihre Furcht vergessen. Die einfachen Bauern und Bäuerinnen aus Galiläa, die von der Jerusalemer Stadtbevölkerung abschätzig als ungebildet, als dumm, als unzivilisiert betrachtet wurden, kaum würdig für das Wort Gottes, entwickeln plötzlich ein enormes Selbstvertrauen. Weit machen sie nun die Türen auf. Furchtlos treten sie vor die anderen Menschen, die so zahlreich in Jerusalem waren. Diese Männer und Frauen aus der Unterschicht Palästinas wagen den Aufbruch. Stellvertretend für die anderen, so könnten wir jetzt in der Apostelgeschichte weiter lesen, tritt dann Petrus unerschrocken vor die Menge. Er wagt es sogar, sich auf den Propheten Joel zu beziehen und spricht vom Anbruch des messianischen Reiches, das ist nichts weniger als eine soziale und politische Revolution, die die Verhältnisse völlig umgestaltet.
Alles bloß eine Utopie? Eine charismatische Schwärmerei? Sind die Jünger und Jüngerinnen bloß ausgeflippt? Nein, wir müssen nur in der Apostelgeschichte weiter lesen, um die unmittelbaren Auswirkungen von Pfingsten zu begreifen – die handgreiflichen Wirkungen. Der Geist Jesus bewirkt erstens, dass die einzelnen Menschen Mut bekommen, dass sie den Aufbruch, das ist die Nachfolge Jesu, wagen können, dass sie die enorme Zuversicht bekommen, in die Fußstapfen Jesu zu treten.
            Der Geist Jesu bewirkt zweitens, dass sich die Einzelnen in Gemeinschaften zusammentun. Die Begeisterten bleiben nicht allein. Deswegen ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche; der Geburtstag der christlichen Gemeinden.
            Der Geist Jesus bestimmt drittens die Art und Weise, wie die ersten Christen und Christinnen ihr Gemeindeleben gestalten: Diese Menschen in den urchristlichen Gemeinden, so schreibt Lukas, waren „ein Herz und eine Seele“. Können wir das von uns heute behaupten? In die Kirche gehen, Christ sein, das war nicht, wie bei uns heute vielmals, eine bloß geistige Sache, ein schönes Wort, ein positives Feeling, nein, das war für die ersten Christen und Christinnen durch und durch handfest. Das hatte praktische materielle Konsequenzen.
Darin liegt das Pfingstwunder, darin liegt die Gabe des Geistes: Die Menschen waren befähigt zur Gütergemeinschaft. Sie hatten alles gemeinsam. Manche sprechen auch von einem Urkommunismus. Und das Wunder dieser ökonomischen Ordnung stellte sich sofort ein: Niemand unter ihnen litt Not, jeder und jede hatte das, was er und sie nötig hatte. Ein sozialpolitisches Pfingstwunder. Pfingsten erweist sich für die ersten Christen und Christinnen als soziale Revolution. Gerade in einer extremen Notsituation, in der die ersten christlichen Gemeinde waren, wiederholte sich das, was Jesus bereits in den Brotwundern zeigte: In Gemeinschaften, die sich am Prinzip des Teilens orientieren, werden die sozialen Spannungen aufgehoben. Das bedeutet, dass es keine mehr gibt, denen die Grundbedürfnisse versagt bleiben. Die Gabe des Geistes ist daher die Fähigkeit, eine Gesellschaft und eine Wirtschaft so zu gestalten, dass niemand mehr Not leidet, dass die zentralen Bedürfnisse aller Menschen erfüllt werden.
Weit sind wir heute vom Pfingstwunder entfernt! Konsolidierungspakete werden auf dem Rücken von ohnehin Armen geschnürt. Reiche wollen Arme hinaus drängen, anstatt den Reichtum zu teilen. Unfassbare Not in der Sahelzone – 15 Millionen Menschen sind vom Hungertod bedroht. Die Liste von Ungerechtigkeiten ist lang. Pfingsten tut not. Es bleibt daher die pfingstliche Bitte: Möge die Geistin wie ein Wirbelwind die zerstörerischen Mechanismen unserer Wirtschaftsordnung verändern; möge die Geistin wie ein sanfter Windhauch uns zum Teilen befähigen. Möge die Geistin uns mit Feuerzungen Mut zu Visionen geben, damit wir unsere Furcht und Angst überwinden können. Möge die Geistin uns zu Geschwistern machen. Amen