Mittwoch, 20. Mai 2015

Pfingsten als sozial-ökonomische Revolution



Pfingsten als sozial-ökonomische Revolution  -
eine historisch-kritische und materialistische Exegese der biblischen Pfingsttexte und ihre Anwendung auf das Heute
(Apostelgeschichte 2,1-11 und Johannes 20,19-33)
von Klaus Heidegger

Das Pfingstwunder der Bibel
Unglaubliches, Unfassbares ist geschehen. In der Hauptstadt Judäas. In Jerusalem. Zur Zeit der Weltherrschaft des Kaisers Tiberius. Etwas mehr als 50 Tage, nachdem Jesus von Nazareth als Rebell und Aufrührer auf grausame Weise hingerichtet worden war, 50 Tage, nachdem dieser Jesus erstmals seinen Jüngern und Jüngerinnen als Auferstandener begegnet ist. Was ist geschehen?
Immer noch geschockt von den Ereignissen sitzen die Jünger und Jüngerinnen Jesu hinter verschlossenen Türen zusammen. Ja, sie wissen: Jesus ist auferstanden. Jesus ist ihnen auch schon erschienen. Auferstanden in ihren Köpfen und Herzen, in ihrem gemeinsamen Mahlhalten, im Einstehen füreinander. Ihre Angst ist damit nicht gewichen. Der Schock über Jesu Hinrichtung sitzt ihnen noch tief in den Knochen. Es war ein brutaler, ein feiger Mord, typisch für die römischen Besatzungstruppen, die das Land mit äußerster Gewalt unter Kontrolle hielten. Abertausende sind von den römischen Soldaten gekreuzigt worden; jüdische Mädchen und Frauen sind misshandelt oder als Sklavinnen verkauft worden. Jene, die mit Jesus gezogen sind, sind gefährdet.
Da hocken nun die Jünger und Jüngerinnen in einem armseligen Haus in Jerusalem zusammen. Wir kennen einige ihrer Namen. Es sind durchwegs Leute der Unterschicht. Da war der Jünger Bartimäus. Als blinder Bettler hatte ihn Jesus in die Nachfolge berufen. Weit unter dem Existenzminimum hatte er gelebt. Oder der Bruder von Jesus, Jakobus, oder die Söhne des Zebedäus, und natürlich Petrus und Andreas, ehemals Fischer aus dem Norden des Landes. Und natürlich sind da auch die Frauen, die Galiläerin Maria von Magdala, eine besondere Gefährtin von Jesus, und da sind Maria und Martha aus Betanien, Maria, die Mutter Jesu, und noch viele andere. Sie alle waren ohne Sozialprestige, ohne gesellschaftliches Ansehen, ohne materielle Sicherheiten. Sie kannten die Not in Palästina aus eigener Erfahrung und als Betroffene. Sie wussten von der groben Ungerechtigkeit. Die Botschaft ihres Meisters öffnete ihnen die Augen, um die Ausbeutungsverhältnisse zu durchschauen. Sie träumten zugleich von einem messianischen Gottesreich, in dem – wie es Maria so wunderbar besang – die Herrschenden vom Thron gestürzt, die Habenichtse aber emporgehoben werden.
Wer solche Träume und politischen Ziele hatte, galt als gefährlich. Jeden Moment mussten die Anhänger und Anhängerinnen Jesu damit rechnen, dass sie ebenfalls wie Jesus als „Revoluzzer“ und Unruhestifter verurteilt werden könnten. Kein Wunder also, dass sie vorsichtig waren, dass sie sich nicht hinauswagten.
Pfingsten als Mut zum Aufbruch
Da aber geschah das Unerwartete. Da ereignete sich Pfingsten. In diese Situation von Verzagtheit und Angst und Furcht hinein. Verzagtheit wird durch Mut ersetzt, Angst durch Zuversicht und Furcht durch Furchtlosigkeit abgelöst. Das ist Pfingsten. Das ist die Gabe des Geistes. Die Konsequenzen sind unübersehbar. So plötzlich streifen die Jünger und Jüngerinnen ihre Ängste ab. Sie haben ihre Furcht vergessen. Die einfachen Bauern und Bäuerinnen aus Galiläa, die von der Jerusalemer Stadtbevölkerung abschätzig als ungebildet, als dumm, als unzivilisiert, als unrein betrachtet wurden, kaum würdig für das Wort Gottes, diese Analphabeten und Analphabetinnen entwickeln plötzlich ein enormes Selbstvertrauen. Weit machen sie nun die Türen auf. Furchtlos treten sie vor die anderen Menschen, die so zahlreich in Jerusalem waren. Diese Männer und Frauen aus der Unterschicht Palästinas wagen den Aufbruch. Stellvertretend für die anderen, so könnten wir jetzt in der Apostelgeschichte weiterlesen, tritt dann Petrus unerschrocken vor die Menge. Er wagt es sogar, sich auf den Propheten Joel zu beziehen, und spricht vom Anbruch des messianischen Reiches, das ist nichts weniger als eine soziale und politische Revolution, die die Verhältnisse völlig umgestaltet.
Pfingsten als konkrete Eutopie
Alles bloß eine Utopie? Eine charismatische Schwärmerei? Sind die Jünger und Jüngerinnen da bloß ausgeflippt? Nein!! Wir müssen nur in der Apostelgeschichte weiter lesen, dann erfahren wir die unmittelbaren Auswirkungen von Pfingsten. Die handgreiflichen Wirkungen. Der Geist Jesus bewirkt erstens, dass die einzelnen Menschen Mut bekommen, dass sie den Aufbruch - das ist die Nachfolge Jesu - wagen können, dass sie die enorme Zuversicht bekommen, in die Fußstapfen Jesu zu treten. Der Geist Jesu bewirkt zweitens, dass sich die einzelnen aber in Gemeinschaften zusammentun. Deswegen ist Pfingsten der Geburtstag der Kirche, der Geburtstag der christlichen Gemeinden. Der Geist Jesus bestimmt drittens die Art und Weise, wie die ersten Christen und Christinnen ihr Gemeindeleben gestalten: Diese Menschen in den urchristlichen Gemeinden, so schreibt Lukas, waren „ein Herz und eine Seele“. In die Kirche gehen, Christ sein, Christin sein, das war nicht - wie bei uns heute vielmals - eine bloß geistige Sache, ein schönes Wort, ein positives Feeling - nein: das war für die ersten Christen und Christinnen durch und durch handfest. Das hatte praktische materielle Konsequenzen. Darin liegt das Pfingstwunder, darin liegt die Gabe des Geistes: Die Menschen waren befähigt zur Gütergemeinschaft. Sie hatten alles gemeinsam. Manche sprechen auch von einem Urkommunismus. Und das Wunder dieser ökonomischen Ordnung stellte sich sofort ein: Niemand unter ihnen litt Not, jeder und jede hatte das, was er und sie nötig hatte. Ein sozialpolitisches Pfingstwunder. Pfingsten erweist sich für die ersten Christen und Christinnen als soziale Revolution. Gerade in einer extremen Notsituation, in der die ersten christlichen Gemeinde waren, wiederholte sich das, was Jesus bereits in den Brotwundern zeigte: In Gemeinschaften, die sich am Prinzip des Teilens orientieren, werden die sozialen Spannungen aufgehoben. Das bedeutet, dass es keine mehr gibt, denen die Grundbedürfnisse versagt bleiben. Die Gabe des Geistes ist daher die Fähigkeit, eine Gesellschaft und eine Wirtschaft so zu gestalten, dass niemand mehr Not leidet, dass die zentralen Bedürfnisse aller Menschen erfüllt werden.
Pfingstwunder im Heute
Weit sind wir heute vom Pfingstwunder entfernt! Wie damals die Jünger und Jüngerinnen um ihr Leben bangen mussten, so werden heute Christen und Jesiden von islamistischen Terrorbanden verfolgt. Abertausende wollen aus Elend und Kriegssituationen fliehen und stranden an den Wohlstandsmauern. Pfingstwunder, das wäre, wenn die Türen von Häusern und Kasernen geöffnet würden, um Flüchtlingen Unterkunft zu geben; wenn in Österreich nicht mehr Zeltstädte für Asylsuchende errichtet würden; wenn sich Bürgermeister nicht mehr mit bürokratischen Tricks gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in ihren Heimatgemeinden stellen würden – aus Angst vor Stimmenverlust bei den nächsten Gemeinderatswahlen.
Pfingstwunder im globalen Dorf, das wäre ein Abkehr von einer kannibalischen Weltordnung. Alle fünf Sekunden stirbt irgendwo auf dieser Welt ein Mensch an den Folgen von Hunger und Unterernährung. Zehntausende Menschen sind ohne Erwerbsarbeit. Das große Teilen, das aus dem biblischen Pfingstwunder folgte, ist weit weg. Einkommensunterschiede wachsen. Während die Reichen reicher werden, sind 15 Prozent der österreichischen Haushalte von Armut betroffen.
Furchtlosigkeit war Folge des pfingstlichen Wunders damals. Wer keine Furcht hat, wird sich nicht bis an die Zähne bewaffnen. In diesem Europa wird weiter kräftig gerüstet, werden neue Waffenstellungen aufgebaut. An Plänen für eine EU-Armee wird gebastelt und weiterhin werden junge Männer hierzulande automatisch auf militärische Konfliktlösungen trainiert.
Möge die Geistkraft wie ein Wirbelwind die zerstörerischen Mechanismen unserer Wirtschaftsordnung verändern. Möge die Geistin wie ein sanfter Windhauch uns zum Teilen befähigen. Möge der göttliche Beistand uns mit Feuerzungen Mut zu Visionen geben, damit wir unsere Furcht und Angst überwinden können. Möge der Geist uns zu Geschwistern machen. Möge uns der pfingstliche Geist die Furcht nehmen, so dass wir uns entwaffnen und die Feinde zu unseren Freunden machen.
Pfingsten 2015

Samstag, 9. Mai 2015

Eiswinde aus dem Norden und Süden - nach den Wahlen in Großbritannien



Eisige Winde aus Nord und Süd zur Zeit der Eisheiligen
Es weht ein eisig kühler Wind von Nord und Süd, der mich frösteln lässt, der mir die Freude an der draußen aufblühenden Natur trübt und eine positive Grundstimmung aus den Gesichtszügen nimmt. Die Kraft und der Geist der Auferstehung – wo sind sie im großen Geschehen dieser Welt spürbar? Wo sind sie nicht nur in den Nischen und an den Rändern des kollektiven Weltgeschehens wahrnehmbar?
In Großbritannien haben die regierenden Tories einen fulminanten Sieg errungen. Sie werden künftig mit Regierungschef David Cameron die Alleinregierung übernehmen. Im britischen Unterhaus können sie mit 331 der 651 Sitze über die künftige Politik Großbritanniens bestimmen. Auch die rechtsnationalistische UKIP erreichte 13 Prozent der Stimmen. David Cameron hat sich in den letzten Jahren als Regierungschef präsentiert, der auf ein einsatzbereites Militär setzt. Den Islamischen Staat wollte er „zerquetschen“. Militärschläge in Syrien sollten auch ohne Zustimmung der syrischen Regierung durchgeführt werden. Kurdische Widerstandskämpfer wurden militärisch ausgerüstet. Das Kabinett Cameron stand in der letzten Regierungsperiode für eine Politik eines unilateralen Militarismus in Abstimmung mit der US-Politik. Großbritannien befindet sich knapp hinter Frankreich mit 60 Milliarden US-Dollar (2014) an 6. Stelle der Staaten mit den weltweit höchsten Militärausgaben. Angesichts des hohen Staatsdefizits und eines zu knappen Sozialbudgets sind diese Militärausgaben aus der Perspektive der Gerechtigkeit und des Friedens ein Skandal. Die UK Deterrent Forces verfügen weiterhin über einsatzbereite Atomraketen. Die britische Rüstungsindustrie beliefert mit Milliardenaufträgen kriegführende Länder wie Saudi-Arabien, Russland oder Sri Lanka. Gegenwärtig bombardieren Kampfflugzeuge aus britischer Produktion Städte und Dörfer im Jemen und erzeugen ein neues humanitäres Desaster. Großbritannien steht an 5. Stelle im Ranking der weltweit größten Exporteure von Kriegsmaterial.
In Israel hat eine rechts-„religiöse“ Koalition unter Führung von Netanjahu die Regierungsgeschäfte übernommen. In dieser Koalition sind Kräfte, die den Siedlungsbau in Palästina forcieren. Es ist eine Koalition, die den Krieg gegen das palästinensische Volk fortsetzt.
Europaweit finden Gedächtnis-Zeremonien zum Kriegsende vor 70 Jahren statt. In Tirol wird in diesen Maitagen vor allem an die Ereignisse vor 100 Jahren gedacht, als 1915 mit der Kriegserklärung Italiens im Süden meiner Heimat die Brutalität eskalierte. Tu felix Austria? 100 Jahre später, 70 Jahre später – es sind Politiker an der Macht, die weiterhin in militärischer Logik verhaftet sind. Während auf der einen Seite das Ende der großen Kriege gefeiert wird, wird auf der anderen Seite für neue Kriege gerüstet. Der Ruf vor 70 Jahren – Nie wieder Krieg! Nie wieder Kriegsbeteiligung! Nie wieder Militärbündnis! – der sich kurze Zeit später im Staatsvertrag und in den Neutralitätsverpflichtungen manifestierte, wird heute mit der Missachtung der österreichischen Neutralität verraten. Just am Tag, an dem die Befreiung aus den Klauen der Naziherrschaft gefeiert wurde, propagiert die ÖVP ihre Vorstellung von einer Europa-Armee. Die Stellvertreterin von ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und EU-Abgeordnete Elisabeth Köstinger wird beim ÖVP-Parteitag diese Idee vorstellen. Es sei mit Lissabon-Vertrag und dem Status der österreichischen Neutralität vereinbar, so meint sie. Was heimische Sicherheitsexperten wie der Direktor des Österreichischen Instituts für Internationale Politik, Heinz Gärtner, dazu sagen, wird ignoriert.
Bei diesen eisigen Winden bräuchten Menschen, die sich gegen Krieg und atomaren Wahn auf dieser Welt einsetzen und Nein zu Aufrüstung ohne Wenn und Aber sagen, die wärmende Gegenwart von Seelenverwandten und Gleichgesinnten.
Klaus Heidegger, 9. Mai 2015

Samstag, 2. Mai 2015

Je sui Jesus: Jesus Selfies und die Ich-bin-Worte Jesu



Je suis Jesus: Jesus-Selfies, die keine Selfies sind
Die Ich-bin-Worte im Johannes-Evangelium sind keine Worte, die Jesus selbst so gesprochen hätte. Die moderne Bibelauslegung spricht davon, dass es keine „ipsissima verba“ seien, das heißt keine Worte, die von Jesus selbst stammen würden. Was wir historisch-kritisch über diesen Mann aus Nazareth sagen können, lautet: Er war Jeschua ben Mirjam aus Nazareth in Galiläa: Jesus, Sohn der Maria, der als eine Art Wanderrabbi mit einem bunten Haufen von Jüngern und Jüngerinnen die prophetische Tradition des Volkes Israel aufgegriffen hat und damit bewusst provokant die herrschende Clique aus römischer Besatzungsmacht und lokalen Kollaborateuren und Mitläufern herausgefordert hat. Als tiefgläubiger Jude hat er sich nicht selbst als „Gott“ inszeniert. Dies wäre in jüdischem Verständnis „Blasphemie“ gewesen. Im ältesten Evangelium schreibt Markus mehrmals davon, dass Jesus auch nicht als Messias bezeichnet werden wollte. Die Mitte seiner Botschaft wird aber gleich im 1. Vers dieses Evangeliums als programmatisches Vorzeichen deutlich: Das Reich Gottes ist angekommen. (Mk 1,1)
Jesus hat nicht dem postmodernen Typen heutiger Zeit entsprochen. Wenn viele Worte in den Evangelien so klingen, muss heute gesagt werden: Jesus hat keine Nabelschau betrieben. Ihm ging es nicht darum, sich selbst in Szene zu setzen, sondern seine Botschaft vom Reich Gottes lebendig werden zu lassen. Dieser Blick ist wichtig, damit die Selfie-Generation heute mit ihren egozentrischen Selbstinszenierungen nicht auch noch sagen könnte: Dieser Jesus hat sich selbst narzisstisch überhöht.
Nein, würde dieser Jesus heute leben, so würde er kein optimiertes Social-Media-Profil haben, in dem er sich als „Sohn Gottes“ anpreist. Man würde keine Selfies von ihm entdecken, dafür aber die Nobodys seiner Zeit: Jene, die als Opfer am Rand der Gesellschaft leben mussten, die Bettler, die Kranken, die gedemütigten Frauen. Damit entspricht Jesus so gar nicht der heutigen Ego-Generation. Er war keine Chamäleon-Existenz, der sich von der sozialen Umwelt nicht abgehoben hätte. Die Jesusbewegung hat sich nicht angepasst, hat sich mit Unterdrückung und Ausbeutung nicht abgefunden. Man könnte ihn nicht mit Duckface vor dem Tempel in Jerusalem sehen, das über facebook, Instagramm, Twitter und Co gepostet wird und Tausende Likes erhält. Das wäre für einen Widerständler auch zu gefährlich gewesen.
Johannes gibt mit den Ich-bin-Worten Jesu kein Selfie von Jesus wider. Im Gegenteil. Wenn er Jesus sprechen lässt „ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,11), dann steht dahinter die Erfahrung der ersten Gemeinschaften von Jüngern und Jüngerinnen, wie Jesus als Auferstandener in ihrer Mitte erfahrbar wird. Nicht als Terminator-Gestalt, der tabula rasa macht mit denen, die nicht in eine bestimmte Linie passen, sondern einfühlsam hinhorchend, jeden und jede in der eigenen Existenz ernst nehmend. Diese Jesus-Gestalt kennt jedes Blöken der Schafe, egal ob schwarz oder weiß. Jedes Schaf hat Vertrauen in ihn. Dieser Jesus wird in der johanneischen Gemeinde des 1. Jahrhunderts identifiziert mit einem Berufszweig, der in der Hierarchie der jüdisch-palästinensischen Gesellschaft Jesu ganz unten stand, galten Hirten doch im System von rein-unrein als unrein, weil sie den Kontakt mit den Tieren pflegten. In der griechisch-römischen Antike wiederum ist der Hirte wie Hermes der Götterbote, der ein Schaf auf seinem Rücken trägt.
Der, der im Lukasevangelium von den Hirten begrüßt wurde, wird selbst zum Hirten. Er ist nicht kaisergleich, sondern hirtengleich, nicht gegürtet mit Schwert, sondern mit Hirtenstab. Was Hirten immer schon auszeichnete, ist die Verbindung mit der Natur, denn nur so wissen sie, wie sie den Wölfen ausweichen und die Wasserstellen finden können. Jesus wird zunächst nicht einmal als Ackerbauer bezeichnet, weil diese Existenzweise schon stärker auf Besitz von Grund und Boden und damit mit Sesshaftigkeit verknüpft ist. Ein Hirte hingegen war damals unterwegs. Nomadenexistenz.
Die Johannes-Gemeinde hat noch weitere Metaphern, um die Auferstehungsexistenz Jesu zu versinnbildlichen. Johannes legt Jesus die Worte in den Mund: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“. Und wieder steckt dahinter Erfahrung, Empirie. Die Erfahrung, dass in der Verbundenheit mit Jesus Christus das Leben gelingen kann. Die Erfahrung, dass das Leben gelingt, wenn wir in unseren Gemeinschaften, in der Kirche, in den Dörfern und Stadtteilen, in den Schulen und Klassenzimmern, in den Fabriken und Arbeitsstätten rebengleich wie ein Team zusammen arbeiten. Solches wird „Frucht“ bringen können. In die heutige Sprache übersetzt könnten die Johannes-Worte lauten: Ich bin der Coach, der euch zu Teamplayern macht, und eure Arbeit wird gelingen. Die Erfahrung mit Auferstehung zeigt, dass Jesusnachfolge ein gutes Leben für alle zum Ziel hat. Dies kann nicht erreicht werden durch Einzelgängertum, durch egoistische Ellbogentaktik, durch Win-lose-Strategien. Die sauren Weinbeeren an den Reben sind die Karrieresüchtigen und jene, die nur auf den eigenen Gewinn achten.
Johannes schrieb für eine Gemeinde, die brutaler Verfolgung ausgesetzt war. Sie sind vergleichbar mit den Jesiden und Christen, die heute unter dem Terror des Islamischen Staates leiden. Sie wurden damals aus den „Synagogen“ ausgeschlossen und mit Steinen beworfen. Von der römischen Zentralmacht wurden Christen und Christinnen gnadenlos verfolgt, die Säulen der ersten Gemeinden wurden umgebracht, Petrus gekreuzigt, Paulus geköpft, Stefanus gesteinigt. Trotzdem wuchs die Zahl jener, die sich zu Christus bekannten, weil sie wussten: Seine Botschaft funktioniert. Da gibt es niemanden mehr, der in diesen Gemeinden Not leidet, weil man zu teilen begonnen hat. Da werden die Häuser zu Orten der Gastfreundschaft und das Gerücht über die ersten Christen verbreitete sich im ganzen römischen Reich: Seht, wie sie einander lieben! Ich bin der Löwenzahn, der in einem Spalt zwischen Asphalt und Mauer zu blühen beginnt.

Welche Ich-bin-Worte, oder im Polit-Jargon unserer Zeit, welche „Je-suis-Worte“ Jesu entsprächen heute den Erfahrungen von Auferstehung Jesu Christi? Wie würden wir heute, die wir in einem Land leben, in der es gerade drei Prozent Bauern gibt, und die wir nicht mehr in den Kategorien von „guter Hirte“ und „Weinstock“ denken, das Profil von Jesus wiedergeben?
Ich bin das Rettungsboot für die Flüchtlinge, die bei der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer in Seenot geraten sind. Ich bin die Schülerin, die einer verzweifelten Mitschülerin Nachhilfe in Mathe gibt, damit sie das Klassenziel doch noch erreichen wird. Ich war der Deserteur aus dem Vomperloch, der sich dem Kriegszwang verweigerte. Ich bin die Caritas, die sich der konkreten Not in dieser Gesellschaft annimmt, der größer werdenden Zahl von Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Ich bin die Schwangere, die sich keine Abtreibung einreden lässt, weil ihr werdendes Kind mit Down-Syndrom auf die Welt kommen wird. Ich bin die Biobäuerin, die darauf achtet, dass es ihren Tieren gut geht und die Pflanzen ohne Großeinsatz von Chemie wachsen können. Ich bin der Unternehmer, der für ein gutes Arbeitsklima in seinem Betrieb sorgt und auf faire Produktionsverhältnisse achtet. Ich bin die Green-Peace-Aktivistin, die sich an Kampagnen gegen Atomkraftwerke beteiligt und selbst achtsam mit den Ressourcen dieser Welt umgeht, die auf Flugreisen um des Klimas willen verzichtet und selbst vegetarisch lebt. Ich war Bertha von Suttner, die gegen den Krieg anschrieb und sich enttäuscht über die Kriegsbegeisterung in der Kirche zeigte. Ich bin der Demonstrant gegen TTIP und schreibe gegen den grenzenlosen Kapitalismus an. Ich bin die Krankenschwester, die für die Patienten und Patientinnen stets ein aufmunterndes Wort und liebevolle Pflege hat. Ich bin. Ich bin. Ich bin. … Wer ist Jesus für dich? Welche Erfahrungen hast du selbst und deine Gemeinschaft mit ihm? Möge der Auferstandene in dir lebendig werden. Möge der Auferstandene in deinen Gemeinschaften lebendig werden.
Klaus Heidegger, zu den Sonntagsevangelien im Mai 2015

Dienstag, 14. April 2015

Militärbischof neu - eine Kritik




Kirche im kritischen Widerspruch zu militärischer Gewalt
oder im Dienst der Legitimation von Militär?
Zur Ernennung des neuen Militärbischofs in Österreich

Verhängnisvolle Affäre wird fortgesetzt

Am 12. April 2015 wurde bekannt, dass Militärgeneralvikar Werner Freistetter Nachfolger des bisherigen Militärbischofs Christian Werner werden soll. Diese Ernennung wurde von der Regierung am 14. April 2015 bestätigt. Christian Werner hatte bereits Ende Oktober 2013 aus gesundheitlichen Gründen bei Papst Franziskus seinen Rücktritt eingereicht. Werner Freistetter war als Militärgeneralvikar auch zugleich Generalmajor im Österreichischen Bundesheer und bekleidet damit eine der ranghöchsten militärischen Positionen.
Pazifistische Organisationen und Menschen aus dem Bereich der Friedensbewegung sind der real-existierenden Militärseelsorge immer schon kritisch gegenüber gestanden. Auch in der katholischen Kirche hofften viele, dass eine neuerliche Ernennung eines eigenen Militärbischofs in Österreich nicht mehr erfolgt und die Seelsorge für Bedienstete des Bundesheeres und deren Familien bzw. für Rekruten ohne ein eigenes Militärordinariat geschieht. Die Internationale der Kriegsdienstgegner/innen kritisiert die Militärseelsorge seit 1957. Der Internationale Versöhnungsbund hat in dieser Frage bei seinem 100-jährigen Jubiläumstreffen im Sommer 2014 in Konstanz dazu beraten und unterstützt die „Ökumenische Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge“.
Kirchliche Gremien und Kirchenvertreter, zahlreiche kirchliche Dokumente und Erklärungen haben in den vergangenen Jahren appelliert, jegliche religiöse Legitimierung von Kriegen zu unterlassen. Im Namen des christlichen Glaubens darf kein Krieg mehr geführt werden. Religion und Krieg sind der größte Widerspruch. Angesichts der Tatsache, dass so viele Kriege unter religiösen Etikettierungen stattfinden, braucht es die unmissverständlichen Zeichen und Signale: Kein Krieg, keine Legitimation zum Kriegführen, keine Kriegsvorbereitungen im Namen des Christentums.
Viele Gründe würden dafür sprechen, dass in Österreich das eigenständige Militärbistum wieder in ein Ordinariat umgestaltet wird, wie dies beispielsweise in Deutschland gemacht wurde oder auch in Österreich bis 1986 üblich war. In diesem Fall würde das Ordinariat von einem anderen Diözesanbischof zusätzlich geleitet werden.

Pazifistische Anfänge des Christentums und Abkehr vom urchristlichen Gewaltverzicht 

Die Geschichte des Christentums begann mit einer klaren Position, dass Frieden durch Gewaltverzicht, durch aktive Schritte der Entfeindung und durch Versöhnung geschaffen werden kann. Das zählt zum Kern der jesuanischen Botschaft und des Lebens Jesu, von der Wiege im Stall zu Betlehem bis zu seinem Tod am Kreuz. Diese pazifistische Stoßrichtung blieb in der frühen Kirche bis zur Konstantinischen Wende unwidersprochen. Mit dem ersten „christlichen“ Kaiser änderte sich die offizielle Linie im Christentum: Indem es zur Staatsreligion wurde, war es nun möglich, Christ und Soldat zugleich zu sein. Die Kirche selbst wurde über viele Jahrhunderte zu einer kriegführenden Macht und immer wieder haben Bischöfe und Päpste Kriegsgeschehen unterstützt – von den Eroberungsfeldzügen Kaiser Karls zu den Kreuzzügen, über die Conquista und den Dreißigjährigen Krieg, selbst in den beiden Weltkriegen wurde von den Kanzeln für eine Kriegsbeteiligung geredet, wurden Waffen gesegnet und dem Schlachten ein kirchlicher Segen gegeben. Erzbischof Kardinal Joseph Frings aus Köln (1887-1978) war einer der ersten, der die Wiederaufrüstung Deutschlands forderte, womit auch die Basis für die deutsche Rüstungsindustrie gelegt wurde, die heute zu den drittgrößten der Welt zählt. Im Afghanistan-Krieg (2001) und im Libyen-Krieg waren Kirchenvertreter segnend dabei. Das unmissverständliche Nein zu Krieg und militärischer Gewalt wurde missachtet.
Diese Geschichte sollte eine Mahnung sein, dass sich die Kirchen nie wieder vor den Karren der Militärs spannen lassen, sondern im Gegenteil im jesuanischen Auftrag Sand im Getriebe der Militär- und Tötungsmaschinerien sind. Mit Blick auf die Kriegsgebiete dieser Welt braucht es die Signale, dass ein „Gotteskriegertum“ im Widerspruch zu dem religiösen Grundethos jeder Religion zählt. Wenn ein Priester als Offizier und in der Uniform einer Armee auftritt, die etwa im Kampf gegen islamistische Kräfte ist, wird es aus dem Blickfeld dieser „bekämpften“ Richtung erscheinen, als sei das Christentum im Kampf gegen den Islam. Diese Karte wird allzu oft von Terroristen bemüht.
Die Kernbotschaft der Bibel lautet, dass Gewalt nicht durch Gewalt zu besiegen ist. Gott erweist sich in der jüdisch-christlichen Geschichte als der, der stets den Frieden will, der nur durch Vergebung und Versöhnung geschaffen werden kann. Gott verbietet in der Abrahamsgeschichte jedes Menschenopfer. Die Propheten des Alten Bundes sind aufgestanden gegen die Pläne der Könige, sich auf militärische Macht zu verlassen. Die Sehnsucht nach dem Messias war eine Sehnsucht nach einem Frieden zwischen allen Völkern. Jesus predigte: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“ In der Mitte seiner Botschaft stand der Auftrag, die Feinde zu lieben, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten. Seine Nachfolger sendet er waffenlos „wie Schafe unter die Wölfe“ – nicht jedoch, damit sie von den Wölfen gefressen werden, sondern damit die Wölfe zu ihren Freunden werden.

Geschichte und Struktur der Militärseelsorge in Österreich
Die gegenwärtige Struktur der katholischen Militärseelsorge in Österreich geht zum einen auf das Konkordat von 1933 und zum anderen auf die Neuregelung aus dem Jahr 1989 (Spirituale militum curae) zurück. 1989 wurde das bestehende Militärvikariat in Militärordinariat umbenannt. In dieser Apostolischen Konstitution wurde das Militärordinariat den anderen Diözesen juristisch gleichgestellt, wodurch dem Militärbischof sämtliche Rechte und Pflichten eines Diözesanbischofs zukommen. Er gehört von Rechts wegen der Österreichischen Bischofskonferenz an. In seine personale Jurisdiktion fallen alle Präsenzdiener und Soldaten auf Dauer ihres Militärdienstes, aber auch Familienangehörige von Soldaten. Zugleich bleiben Katholiken auch in der Jurisdiktion ihrer Heimatdiözesen. Die Abhängigkeit zum Bundesministerium für Landesverteidigung ist in vielen Bereichen sichtbar. So ist der Militärgeneralvikar dem Ministerium „in allen nicht ausschließlich sein geistliches Amt betreffenden Angelegenheiten gegenüber weisungsgebunden.“ Vom Rang her ist er zugleich Generalmajor. Dies ist eine der höchsten Stellungen im Militär. Auch die Militärdekanatsgeistlichen werden nach vorherigem Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Landesverteidigung durch den Militärordinarius bestellt. Ebenso werden die Militärgeistlichen staatlich ernannt. Die Besoldung erfolgt nach staatlichen Vorgaben.

Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel
Zu Recht ist in der öffentlichen Debatte die Kirche stets präsent, wenn sie an den Endpunkten menschlichen Lebens für den Lebensschutz eintritt. Dieses „Du wirst nicht töten“-Gebot wird konsequent in der Frage der Abtreibung oder der aktiven Sterbehilfe als kritisches Korrektiv in die Gesellschaft eingebracht. Wenn es aber um die Frage militärischer Ausbildung und der Legitimation militärischer Einrichtungen geht, dann scheint das Tötungsverbot nicht mehr so ganz zuzutreffen. Signale in diese Richtung gibt es zuhauf.
Menschen, die ohnehin der Kirche kritisch oder ablehnend gegenüber stehen, fühlen sich durch die Verquickung von Militär/Staat und Kirche in der real-existierenden Gestalt der Militärseelsorge entweder in ihrer Kritik bestätigt, oder sie adjustieren der Kirche eine Doppelmoral. In den letzten Jahren war es immer wieder deutlich, wo sich nicht unwichtige Repräsentanten der Militärseelsorge positionierten: So etwa ließ sich symbolisch bedeutsam FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache von Militärseelsorger Siegfried Lochner in der St.-Georgs-Kirche – der Bischofskirche der Militärdiözese – im Jahr 2009 firmen. Es war derselbe Firmspender, der zwei Jahre davor einen „Kult“ um den Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter kritisierte und ihn in einer von Andreas Mölzer herausgegebenen Zeitung (Zur Zeit) als ein „bedauernswertes Opfer seines irrenden Gewissens“ bezeichnet hatte.

Historisch belastetes Erbe
Mit Blick auf das, was sich vor gut 80 Jahren in Österreich abspielte, mit Blick auf die Auslöschung des Parlaments und die Errichtung des Ständestaates unter dem Segen der katholischen Kirche, mit Blick auf die Absegnung des Austrofaschismus durch die katholische Kirche in Österreich und mit Zustimmung des Vatikans, müsste es gerade in diesem Land so viel Vorsicht geben gegenüber allem, was wie eine Verschmelzung von Kirche und Staat-Militär aussieht. Engelbert Dollfuß verkündete seinen Plan zur Abschaffung der Parteien am 12. September 1933 beim Katholikentag.

Trennung Kirche – Staat als Notwendigkeit
Jesus von Nazaret ist aufgrund seines Widerspruchs zum römischen Staat am Kreuz gestorben. Gekreuzigt wurde im römischen Reich derjenige, der als Gefahr für den römischen Staat und seine Truppen galt. In dieser Tradition stehen die vielen Märtyrer bis hin zu Franz Jägerstätter. Eine Kirche, die sich vor den Karren der Militärs spannen lässt, steht dieser Linie diametral gegenüber.
Militärseelsorge stammt aus einer Zeit, in der Thron und Altar eng miteinander verbunden waren. Auch heute noch sind Staat und Militär stets miteinander verflochten. Im demokratiepolitisch besten Fall ist das Militär im Dienst eines Staates, im negativen Fall bestimmt Militär einen Staat. Für das Verhältnis von Kirche-Staat bedeutet dies: Eine Kirche, die sich nicht vom Militär abgrenzt, wird letztlich keine „freie Kirche“ in einem Staat sein. 

Pastorale Dienste bei den Soldaten statt Sorge um das Militär
Die Militärdiözese ist die einzige Diözese, die nach einem kategorialen Prinzip organisiert ist. Laut eigener Statistik würde sie 100.000 Bundesheerangehörige für sich verbuchen können. Allerdings muss gefragt werden, ob nicht ein Großteil dieser Angehörigen – sofern sie überhaupt eine Kirchenbindung haben – nicht ohnehin besser in die Gemeindestruktur ihrer Heimatpfarren eingebunden ist. Auch Rekruten können beispielsweise nur bedingt zur Militärdiözese gezählt werden, da sie – sofern kirchlich gebunden – weiterhin in ihren Heimatpfarreien aktiv sein werden. Wenn beispielsweise im Bereich der Militärdiözese pro Jahr an die 50 Taufen durchgeführt werden, so ist dies ein Zeichen, dass es wohl schwer zu rechtfertigen ist, wenn für eine so kleine Anzahl von Gläubigen ein Apparat von einem Bischof und drei Bischofsvikaren, Generalvikaren etc. vorhanden ist. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass es nicht nur um Pastoral geht, sondern um andere Interessen, nämlich dem militärischen Apparat eine besondere kirchliche Aufmerksamkeit zu schenken.
Wie in Österreich vor 1986 und in fast allen Staaten dieser Welt könnte die Seelsorge für Bundesheerangehörige und ihre Familien – sofern sie nicht ohnehin im Rahmen der Gemeindepastoral geschieht – als Aufgabengebiet einem Diözesanbischof zugefügt werden, so wie Bischof Manfred Bischof für die Caritas ist oder der Bischof von Burgenland als Jugendbischof fungiert.
Wie der Terminus „Militärbischof“ oder „Militärseelsorge“ schon definiert, geht es um die Sorge für „das Militär“ als staatliches System. Es ist per definitionem kein „Soldatenbischof“ und keine „Soldatenseelsorge“ oder eine katholische Seelsorge für Angehörige des Militärs, wie Befürworter der geltenden Regelung der heimischen Militärdiözese behaupten. Mag sein, dass dies auch tatsächlich gewollt ist, die Pastoral für jene Menschen, die im Bundesheer arbeiten oder dort zwangsverpflichtet dienen müssen. Allerdings zeigen die vergangenen Jahre, wie sehr es den Verantwortlichen der Militärdiözese immer wieder darum ging, die Interessen des Systems Militär zu verteidigen bzw. wie sehr es dem militärischen Establishment gelingt, die Kirche für sich zu vereinnahmen. Die Einrichtungen der Militärseelsorge werden damit vom Militärbischof angefangen bis zum Militärkaplan zur Werbung für das System Militär und damit wird die Kirche zur Legitimation für eine bestimmte Form gewaltsamer Konfliktlösung instrumentalisiert.

Eigenständiges Militärordinariat als Stütze für das Militär
Wer sich die Predigten von Militärgeistlichen im Rahmen von Angelobungen anhört, merkt, worauf die reale „Militärseelsorge“ zielt. Der soldatische Dienst soll als religiöse Pflichterfüllung wahrgenommen werden. Da wird die Unterordnung als Befolgung des vierten Gebotes stilisiert und selbst die Opferbereitschaft mit Blick auf den Opfertod Jesu angepriesen. Junge Männer, die als Wehrpflichtige ihren Dienst beginnen, unmittelbar bevor sie den Eid auf die Republik Österreich leisten, mit der Waffe in der Hand Österreich zu verteidigen, sollen so für ihren Dienst noch in einem religiösen Sinne gestärkt werden.
Bedenklich ist die Tatsache, dass Seelsorger im Bereich des Bundesheeres in Uniform, im Rang von Offizieren und im Sold des Bundesheeres auftreten. Dies lässt eine notwendige Distanz zum militärischen System vermissen. Damit wird eine Identifikation mit dem militärischen System ausgedrückt und gelebt. Wehrpflichtige Rekruten begegnen ihren Seelsorgern im Militär als ranghöhere Vorgesetzte in der militärischen Befehlshierarchie. Ein Vertrauensverhältnis lässt sich so wohl nicht herstellen.
Das Militär erweist sich dafür gegenüber dem Militärordinariat durchaus spendabel, wie beispielsweise die Finanzierung des Instituts „Religion und Frieden“ zeigt, dessen Leitung Generalvikar Major Freistetter innehat.

Eine Kirche im Dienste der Gewaltausübung
Jede Ausbildung zum Militärdienst schließt das Faktum ein, im Ernstfall andere Menschen zu verletzen oder zu töten. Dafür werden Soldaten ausgebildet. Wenn Priester nun in soldatische Uniformen schlüpfen, wenn der Talar mit einer Camouflage-Uniform ausgetauscht wird, wenn militärische Ränge übernommen werden und militärischer Sold bezogen wird, dann signalisiert die Kirche, dass sie mit dieser Form der Konfliktbewältigung einverstanden ist.
In einer pazifistischen Sicht ist das Militär eine Institution, in der es gilt, im Ernstfall mit Waffengewalt andere Menschen zu töten und Kriege zu führen. Das Militär ist ein Instrument des Staates, das auf Befehl- und Gehorsamsstruktur aufbaut. Ein Seelsorger in Uniform wird Teil dieses Systems und verliert seine kritische Distanz. Der Militärgeistliche erfüllt oftmals die Funktion, das Heer einsatzbereit zu halten. In Kriegszeiten stellt dies eine besondere Problematik dar.

Die Vision: Eine Kirche des Gewaltverzichts
Besonders junge Menschen möchten die Kirchen als authentische Orte erfahren, wo unverstellt die Botschaft Jesu gelebt wird. Die Kritik, dass sich selbst kirchliche Vertreter nicht an die jesuanischen Vorgaben halten würden, wird letztlich dazu führen, dass sich noch mehr enttäuscht von der Kirche abwenden.
Die Kirchen könnten hingegen für Wege der Zivilen Konfliktintervention und des nichtmilitärischen Friedensaufbaus eintreten. Eine andere Militärseelsorge – verstanden als Dienst an den Soldaten – bräuchte jedenfalls eine kritische Distanz zum militärischen Establishment und kann nicht von Seelsorgern ausgeübt werden, die vom Militär bezahlt werden und mit militärischen Rängen ausgestattet wurden. Jeder Rekrut lernt beispielsweise gleich bei der militärischen Grundausbildung, dass ein Militär-Seelsorger in einem ihm weit höher stehenden Rang ist, dem er letztlich Gehorsam schuldet. Was es bräuchte, wären Seelsorger für Präsenzdiener, mit denen sie auf einer vertrauensvollen Basis ihre oftmaligen Gewissenszweifel und persönlichen Probleme austauschen könnten, die gerade während dieser belastenden Zeit auftauchen. Solche Gespräche könnten freilich auch in kirchlichen Räumen außerhalb der Kaserne angeboten werden.
Klaus Heidegger, 14. April 2015