Dienstag, 14. April 2015

Militärbischof neu - eine Kritik




Kirche im kritischen Widerspruch zu militärischer Gewalt
oder im Dienst der Legitimation von Militär?
Zur Ernennung des neuen Militärbischofs in Österreich

Verhängnisvolle Affäre wird fortgesetzt

Am 12. April 2015 wurde bekannt, dass Militärgeneralvikar Werner Freistetter Nachfolger des bisherigen Militärbischofs Christian Werner werden soll. Diese Ernennung wurde von der Regierung am 14. April 2015 bestätigt. Christian Werner hatte bereits Ende Oktober 2013 aus gesundheitlichen Gründen bei Papst Franziskus seinen Rücktritt eingereicht. Werner Freistetter war als Militärgeneralvikar auch zugleich Generalmajor im Österreichischen Bundesheer und bekleidet damit eine der ranghöchsten militärischen Positionen.
Pazifistische Organisationen und Menschen aus dem Bereich der Friedensbewegung sind der real-existierenden Militärseelsorge immer schon kritisch gegenüber gestanden. Auch in der katholischen Kirche hofften viele, dass eine neuerliche Ernennung eines eigenen Militärbischofs in Österreich nicht mehr erfolgt und die Seelsorge für Bedienstete des Bundesheeres und deren Familien bzw. für Rekruten ohne ein eigenes Militärordinariat geschieht. Die Internationale der Kriegsdienstgegner/innen kritisiert die Militärseelsorge seit 1957. Der Internationale Versöhnungsbund hat in dieser Frage bei seinem 100-jährigen Jubiläumstreffen im Sommer 2014 in Konstanz dazu beraten und unterstützt die „Ökumenische Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge“.
Kirchliche Gremien und Kirchenvertreter, zahlreiche kirchliche Dokumente und Erklärungen haben in den vergangenen Jahren appelliert, jegliche religiöse Legitimierung von Kriegen zu unterlassen. Im Namen des christlichen Glaubens darf kein Krieg mehr geführt werden. Religion und Krieg sind der größte Widerspruch. Angesichts der Tatsache, dass so viele Kriege unter religiösen Etikettierungen stattfinden, braucht es die unmissverständlichen Zeichen und Signale: Kein Krieg, keine Legitimation zum Kriegführen, keine Kriegsvorbereitungen im Namen des Christentums.
Viele Gründe würden dafür sprechen, dass in Österreich das eigenständige Militärbistum wieder in ein Ordinariat umgestaltet wird, wie dies beispielsweise in Deutschland gemacht wurde oder auch in Österreich bis 1986 üblich war. In diesem Fall würde das Ordinariat von einem anderen Diözesanbischof zusätzlich geleitet werden.

Pazifistische Anfänge des Christentums und Abkehr vom urchristlichen Gewaltverzicht 

Die Geschichte des Christentums begann mit einer klaren Position, dass Frieden durch Gewaltverzicht, durch aktive Schritte der Entfeindung und durch Versöhnung geschaffen werden kann. Das zählt zum Kern der jesuanischen Botschaft und des Lebens Jesu, von der Wiege im Stall zu Betlehem bis zu seinem Tod am Kreuz. Diese pazifistische Stoßrichtung blieb in der frühen Kirche bis zur Konstantinischen Wende unwidersprochen. Mit dem ersten „christlichen“ Kaiser änderte sich die offizielle Linie im Christentum: Indem es zur Staatsreligion wurde, war es nun möglich, Christ und Soldat zugleich zu sein. Die Kirche selbst wurde über viele Jahrhunderte zu einer kriegführenden Macht und immer wieder haben Bischöfe und Päpste Kriegsgeschehen unterstützt – von den Eroberungsfeldzügen Kaiser Karls zu den Kreuzzügen, über die Conquista und den Dreißigjährigen Krieg, selbst in den beiden Weltkriegen wurde von den Kanzeln für eine Kriegsbeteiligung geredet, wurden Waffen gesegnet und dem Schlachten ein kirchlicher Segen gegeben. Erzbischof Kardinal Joseph Frings aus Köln (1887-1978) war einer der ersten, der die Wiederaufrüstung Deutschlands forderte, womit auch die Basis für die deutsche Rüstungsindustrie gelegt wurde, die heute zu den drittgrößten der Welt zählt. Im Afghanistan-Krieg (2001) und im Libyen-Krieg waren Kirchenvertreter segnend dabei. Das unmissverständliche Nein zu Krieg und militärischer Gewalt wurde missachtet.
Diese Geschichte sollte eine Mahnung sein, dass sich die Kirchen nie wieder vor den Karren der Militärs spannen lassen, sondern im Gegenteil im jesuanischen Auftrag Sand im Getriebe der Militär- und Tötungsmaschinerien sind. Mit Blick auf die Kriegsgebiete dieser Welt braucht es die Signale, dass ein „Gotteskriegertum“ im Widerspruch zu dem religiösen Grundethos jeder Religion zählt. Wenn ein Priester als Offizier und in der Uniform einer Armee auftritt, die etwa im Kampf gegen islamistische Kräfte ist, wird es aus dem Blickfeld dieser „bekämpften“ Richtung erscheinen, als sei das Christentum im Kampf gegen den Islam. Diese Karte wird allzu oft von Terroristen bemüht.
Die Kernbotschaft der Bibel lautet, dass Gewalt nicht durch Gewalt zu besiegen ist. Gott erweist sich in der jüdisch-christlichen Geschichte als der, der stets den Frieden will, der nur durch Vergebung und Versöhnung geschaffen werden kann. Gott verbietet in der Abrahamsgeschichte jedes Menschenopfer. Die Propheten des Alten Bundes sind aufgestanden gegen die Pläne der Könige, sich auf militärische Macht zu verlassen. Die Sehnsucht nach dem Messias war eine Sehnsucht nach einem Frieden zwischen allen Völkern. Jesus predigte: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“ In der Mitte seiner Botschaft stand der Auftrag, die Feinde zu lieben, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten. Seine Nachfolger sendet er waffenlos „wie Schafe unter die Wölfe“ – nicht jedoch, damit sie von den Wölfen gefressen werden, sondern damit die Wölfe zu ihren Freunden werden.

Geschichte und Struktur der Militärseelsorge in Österreich
Die gegenwärtige Struktur der katholischen Militärseelsorge in Österreich geht zum einen auf das Konkordat von 1933 und zum anderen auf die Neuregelung aus dem Jahr 1989 (Spirituale militum curae) zurück. 1989 wurde das bestehende Militärvikariat in Militärordinariat umbenannt. In dieser Apostolischen Konstitution wurde das Militärordinariat den anderen Diözesen juristisch gleichgestellt, wodurch dem Militärbischof sämtliche Rechte und Pflichten eines Diözesanbischofs zukommen. Er gehört von Rechts wegen der Österreichischen Bischofskonferenz an. In seine personale Jurisdiktion fallen alle Präsenzdiener und Soldaten auf Dauer ihres Militärdienstes, aber auch Familienangehörige von Soldaten. Zugleich bleiben Katholiken auch in der Jurisdiktion ihrer Heimatdiözesen. Die Abhängigkeit zum Bundesministerium für Landesverteidigung ist in vielen Bereichen sichtbar. So ist der Militärgeneralvikar dem Ministerium „in allen nicht ausschließlich sein geistliches Amt betreffenden Angelegenheiten gegenüber weisungsgebunden.“ Vom Rang her ist er zugleich Generalmajor. Dies ist eine der höchsten Stellungen im Militär. Auch die Militärdekanatsgeistlichen werden nach vorherigem Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Landesverteidigung durch den Militärordinarius bestellt. Ebenso werden die Militärgeistlichen staatlich ernannt. Die Besoldung erfolgt nach staatlichen Vorgaben.

Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel
Zu Recht ist in der öffentlichen Debatte die Kirche stets präsent, wenn sie an den Endpunkten menschlichen Lebens für den Lebensschutz eintritt. Dieses „Du wirst nicht töten“-Gebot wird konsequent in der Frage der Abtreibung oder der aktiven Sterbehilfe als kritisches Korrektiv in die Gesellschaft eingebracht. Wenn es aber um die Frage militärischer Ausbildung und der Legitimation militärischer Einrichtungen geht, dann scheint das Tötungsverbot nicht mehr so ganz zuzutreffen. Signale in diese Richtung gibt es zuhauf.
Menschen, die ohnehin der Kirche kritisch oder ablehnend gegenüber stehen, fühlen sich durch die Verquickung von Militär/Staat und Kirche in der real-existierenden Gestalt der Militärseelsorge entweder in ihrer Kritik bestätigt, oder sie adjustieren der Kirche eine Doppelmoral. In den letzten Jahren war es immer wieder deutlich, wo sich nicht unwichtige Repräsentanten der Militärseelsorge positionierten: So etwa ließ sich symbolisch bedeutsam FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache von Militärseelsorger Siegfried Lochner in der St.-Georgs-Kirche – der Bischofskirche der Militärdiözese – im Jahr 2009 firmen. Es war derselbe Firmspender, der zwei Jahre davor einen „Kult“ um den Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter kritisierte und ihn in einer von Andreas Mölzer herausgegebenen Zeitung (Zur Zeit) als ein „bedauernswertes Opfer seines irrenden Gewissens“ bezeichnet hatte.

Historisch belastetes Erbe
Mit Blick auf das, was sich vor gut 80 Jahren in Österreich abspielte, mit Blick auf die Auslöschung des Parlaments und die Errichtung des Ständestaates unter dem Segen der katholischen Kirche, mit Blick auf die Absegnung des Austrofaschismus durch die katholische Kirche in Österreich und mit Zustimmung des Vatikans, müsste es gerade in diesem Land so viel Vorsicht geben gegenüber allem, was wie eine Verschmelzung von Kirche und Staat-Militär aussieht. Engelbert Dollfuß verkündete seinen Plan zur Abschaffung der Parteien am 12. September 1933 beim Katholikentag.

Trennung Kirche – Staat als Notwendigkeit
Jesus von Nazaret ist aufgrund seines Widerspruchs zum römischen Staat am Kreuz gestorben. Gekreuzigt wurde im römischen Reich derjenige, der als Gefahr für den römischen Staat und seine Truppen galt. In dieser Tradition stehen die vielen Märtyrer bis hin zu Franz Jägerstätter. Eine Kirche, die sich vor den Karren der Militärs spannen lässt, steht dieser Linie diametral gegenüber.
Militärseelsorge stammt aus einer Zeit, in der Thron und Altar eng miteinander verbunden waren. Auch heute noch sind Staat und Militär stets miteinander verflochten. Im demokratiepolitisch besten Fall ist das Militär im Dienst eines Staates, im negativen Fall bestimmt Militär einen Staat. Für das Verhältnis von Kirche-Staat bedeutet dies: Eine Kirche, die sich nicht vom Militär abgrenzt, wird letztlich keine „freie Kirche“ in einem Staat sein. 

Pastorale Dienste bei den Soldaten statt Sorge um das Militär
Die Militärdiözese ist die einzige Diözese, die nach einem kategorialen Prinzip organisiert ist. Laut eigener Statistik würde sie 100.000 Bundesheerangehörige für sich verbuchen können. Allerdings muss gefragt werden, ob nicht ein Großteil dieser Angehörigen – sofern sie überhaupt eine Kirchenbindung haben – nicht ohnehin besser in die Gemeindestruktur ihrer Heimatpfarren eingebunden ist. Auch Rekruten können beispielsweise nur bedingt zur Militärdiözese gezählt werden, da sie – sofern kirchlich gebunden – weiterhin in ihren Heimatpfarreien aktiv sein werden. Wenn beispielsweise im Bereich der Militärdiözese pro Jahr an die 50 Taufen durchgeführt werden, so ist dies ein Zeichen, dass es wohl schwer zu rechtfertigen ist, wenn für eine so kleine Anzahl von Gläubigen ein Apparat von einem Bischof und drei Bischofsvikaren, Generalvikaren etc. vorhanden ist. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass es nicht nur um Pastoral geht, sondern um andere Interessen, nämlich dem militärischen Apparat eine besondere kirchliche Aufmerksamkeit zu schenken.
Wie in Österreich vor 1986 und in fast allen Staaten dieser Welt könnte die Seelsorge für Bundesheerangehörige und ihre Familien – sofern sie nicht ohnehin im Rahmen der Gemeindepastoral geschieht – als Aufgabengebiet einem Diözesanbischof zugefügt werden, so wie Bischof Manfred Bischof für die Caritas ist oder der Bischof von Burgenland als Jugendbischof fungiert.
Wie der Terminus „Militärbischof“ oder „Militärseelsorge“ schon definiert, geht es um die Sorge für „das Militär“ als staatliches System. Es ist per definitionem kein „Soldatenbischof“ und keine „Soldatenseelsorge“ oder eine katholische Seelsorge für Angehörige des Militärs, wie Befürworter der geltenden Regelung der heimischen Militärdiözese behaupten. Mag sein, dass dies auch tatsächlich gewollt ist, die Pastoral für jene Menschen, die im Bundesheer arbeiten oder dort zwangsverpflichtet dienen müssen. Allerdings zeigen die vergangenen Jahre, wie sehr es den Verantwortlichen der Militärdiözese immer wieder darum ging, die Interessen des Systems Militär zu verteidigen bzw. wie sehr es dem militärischen Establishment gelingt, die Kirche für sich zu vereinnahmen. Die Einrichtungen der Militärseelsorge werden damit vom Militärbischof angefangen bis zum Militärkaplan zur Werbung für das System Militär und damit wird die Kirche zur Legitimation für eine bestimmte Form gewaltsamer Konfliktlösung instrumentalisiert.

Eigenständiges Militärordinariat als Stütze für das Militär
Wer sich die Predigten von Militärgeistlichen im Rahmen von Angelobungen anhört, merkt, worauf die reale „Militärseelsorge“ zielt. Der soldatische Dienst soll als religiöse Pflichterfüllung wahrgenommen werden. Da wird die Unterordnung als Befolgung des vierten Gebotes stilisiert und selbst die Opferbereitschaft mit Blick auf den Opfertod Jesu angepriesen. Junge Männer, die als Wehrpflichtige ihren Dienst beginnen, unmittelbar bevor sie den Eid auf die Republik Österreich leisten, mit der Waffe in der Hand Österreich zu verteidigen, sollen so für ihren Dienst noch in einem religiösen Sinne gestärkt werden.
Bedenklich ist die Tatsache, dass Seelsorger im Bereich des Bundesheeres in Uniform, im Rang von Offizieren und im Sold des Bundesheeres auftreten. Dies lässt eine notwendige Distanz zum militärischen System vermissen. Damit wird eine Identifikation mit dem militärischen System ausgedrückt und gelebt. Wehrpflichtige Rekruten begegnen ihren Seelsorgern im Militär als ranghöhere Vorgesetzte in der militärischen Befehlshierarchie. Ein Vertrauensverhältnis lässt sich so wohl nicht herstellen.
Das Militär erweist sich dafür gegenüber dem Militärordinariat durchaus spendabel, wie beispielsweise die Finanzierung des Instituts „Religion und Frieden“ zeigt, dessen Leitung Generalvikar Major Freistetter innehat.

Eine Kirche im Dienste der Gewaltausübung
Jede Ausbildung zum Militärdienst schließt das Faktum ein, im Ernstfall andere Menschen zu verletzen oder zu töten. Dafür werden Soldaten ausgebildet. Wenn Priester nun in soldatische Uniformen schlüpfen, wenn der Talar mit einer Camouflage-Uniform ausgetauscht wird, wenn militärische Ränge übernommen werden und militärischer Sold bezogen wird, dann signalisiert die Kirche, dass sie mit dieser Form der Konfliktbewältigung einverstanden ist.
In einer pazifistischen Sicht ist das Militär eine Institution, in der es gilt, im Ernstfall mit Waffengewalt andere Menschen zu töten und Kriege zu führen. Das Militär ist ein Instrument des Staates, das auf Befehl- und Gehorsamsstruktur aufbaut. Ein Seelsorger in Uniform wird Teil dieses Systems und verliert seine kritische Distanz. Der Militärgeistliche erfüllt oftmals die Funktion, das Heer einsatzbereit zu halten. In Kriegszeiten stellt dies eine besondere Problematik dar.

Die Vision: Eine Kirche des Gewaltverzichts
Besonders junge Menschen möchten die Kirchen als authentische Orte erfahren, wo unverstellt die Botschaft Jesu gelebt wird. Die Kritik, dass sich selbst kirchliche Vertreter nicht an die jesuanischen Vorgaben halten würden, wird letztlich dazu führen, dass sich noch mehr enttäuscht von der Kirche abwenden.
Die Kirchen könnten hingegen für Wege der Zivilen Konfliktintervention und des nichtmilitärischen Friedensaufbaus eintreten. Eine andere Militärseelsorge – verstanden als Dienst an den Soldaten – bräuchte jedenfalls eine kritische Distanz zum militärischen Establishment und kann nicht von Seelsorgern ausgeübt werden, die vom Militär bezahlt werden und mit militärischen Rängen ausgestattet wurden. Jeder Rekrut lernt beispielsweise gleich bei der militärischen Grundausbildung, dass ein Militär-Seelsorger in einem ihm weit höher stehenden Rang ist, dem er letztlich Gehorsam schuldet. Was es bräuchte, wären Seelsorger für Präsenzdiener, mit denen sie auf einer vertrauensvollen Basis ihre oftmaligen Gewissenszweifel und persönlichen Probleme austauschen könnten, die gerade während dieser belastenden Zeit auftauchen. Solche Gespräche könnten freilich auch in kirchlichen Räumen außerhalb der Kaserne angeboten werden.
Klaus Heidegger, 14. April 2015

Dienstag, 31. März 2015

Ukraine und die Politik Russlands in friedensbewegter Analyse



Der Krieg in der Ukraine und die Rolle Putins in friedensbewegten Stellungnahmen
von Klaus Heidegger, 31 .3.2015
Friedensbewegung und Kritik an Putin-Russland
Seit gut einem Jahr folgt die friedensbewegte Kritik über den Krieg in der Ukraine dem gleichen Argumentationsmuster: Die USA und mit ihr die NATO und die EU seien vorrangig schuld an den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine. Wer Staatspräsident Putin und die russische Staatspolitik kritisiert, scheint außerhalb des friedensbewegten Konsenses zu stehen. Sofort taucht der Vorwurf auf, man sei russophob, gefährde den Dialog zwischen dem Westen und Russland und leiste der militärisch-imperialistischen Politik von NATO-EU-USA gute Dienste. Wenn die EU gegenüber Russland Sanktionen plant, dann wird dies von friedensbewegter Seite mit dem Argument kritisiert, man würde die imperialistische Politik des Westens unterstützen und die Dialogmöglichkeiten mit dem russischen Regime untergraben. Dabei galt lange Zeit das Instrument von Wirtschaftssanktionen innerhalb nichtmilitärischer und pazifistischer Friedenstheorien als probates Mittel, um Kriegsherren zu zähmen und um auf nichtmilitärischem Weg zu Lösungen zu kommen.
Berechtigte Kritik an USA-NATO-EU
Die berechtigte Kritik an USA-NATO-EU muss hier nicht wiederholt werden. Tatsächlich sind die Aufrüstungen in den osteuropäischen NATO-Ländern, die neuen NATO-Basen an der Grenze zu Russland, die neu gebildeten superschnellen NATO-Eingreiftruppen auf der Basis des „Readiness Action Plans“, die geplanten Waffenlieferungen der USA an die Ukraine usw. Maßnahmen und Entwicklungen, die zur Eskalation beitragen und die Gefahr eines großen Krieges heraufbeschwören könnten. Tatsächlich sind die westlichen Mächte zur klassischen Doktrin der Abschreckung zurückgekehrt, die viele Jahrzehnte den Kalten Krieg bestimmt hatte. Das alles muss selbstverständlich gesagt und geschrieben werden. Vor lauter Kritik an den kriegerischen Aktionen von USA, NATO und EU und deren offensichtlichen imperialistischen Interessen, gibt es zugleich eine gepflegte Blindheit gegenüber der Politik von Putin-Russland.
Berechtigte Kritik an Entwicklungen in der Ukraine
Auch mit Blick auf die vergangenen Jahre haben friedensbewegte Organisationen und ihrer Sprecher und Sprecherinnen immer wieder aufgezeigt, dass die USA bzw. mächtige EU-Staaten wesentlich beteiligt waren, dass es zu den kriegerischen Auseinandersetzungen kam. Es gab am Maidan-Platz nicht nur die friedlichen Demonstranten, sondern auch die bezahlten Schlägertrupps, die die demokratische Revolution in den Schmutz zogen. Die emporgekommenen ukrainischen Politiker Arsenij Jazenjuk und Petro Poroschenko sind tatsächlich Mitglieder alten ukrainischen Oligarchie. Faschistoide Personen sind in der neuen Regierung von Jazenjuk vertreten. Fakt ist auch, dass die Absicht der gegenwärtigen Regierung, sich in die NATO zu integrieren und wirtschaftliche Beziehungen vorrangig innerhalb der EU aufzubauen, einer friedlichen Entwicklung im Wege steht.
Krim-Annexion
Doch haben nicht die USA und NATO die Krim einverleibt, sondern russische Separatisten mit Unterstützung von Russland führten vor einem Jahr die völkerrechtlich bedenkliche Annexion der Krim an Russland durch. Menschenrechtsorganisationen, wie amnesty international, kritisieren seither die Menschenrechtssituation. Krim-Tartaren würden eingeschüchtert. Oppositionelle misshandelt. Eine unabhängige Presse würde zum Schweigen gebracht.
Aufrüstung in Russland
Auch Russland unter der Herrschaft von Putin stellt ein Bedrohungspotential dar, das in der friedensbewegten Kritik nicht übersehen werden sollte. Wenn in den letzten Jahren die Militärausgaben in Russland um 30 Prozent gestiegen sind, zugleich aber im Bildungs- und Gesundheitsbereich auf Kosten der Bevölkerung gekürzt wird, wenn Putin dann gleichzeitig den Westen für diese Aufrüstungsmaßnahmen verantwortlich macht und damit russischen Nationalismus anheizt, wenn selbst Atomwaffen in der Abschreckungs-Rhetorik verwendet werden, wenn Putin in regelmäßigen Abständen die Gefechtsbereitschaft seiner Streitkräfte zelebriert oder gar mit der menschenverachtenden Nuklearwaffen-Strategie droht, dann kann es aus Sicht von friedensbewegten Menschen nicht unkommentiert bleiben. Die Rebellen in der Ostukraine werden bekanntlich nicht mit den Mordwaffen vom Mond her beliefert, sondern aus Russland.
Menschenrechtsverletzungen in Russland heute
Das Schicksal von Kremlkritikerinnen und Kremlkritikern hat mit der Ermordung von Boris Nemzow im März 2015 eine Fortsetzung. Nemzow hatte zuvor die „unsinnige Aggression gegen die Ukraine“ seitens der russischen Politik kritisiert und sprach sich vehement für ein Ende des Krieges aus. Fakt ist, dass in Russland Oppositionelle immer wieder bedroht und verfolgt werden. Erinnert sei auch an das Schicksal der Journalistin Anna Politkowskaja.
Dialog auf Basis von Aufrichtigkeit
Die Chance auf Frieden liegt im Dialog zwischen den sich feindlich gesinnten Mächten, ja, auch im Dialog zwischen Putin und Obama, Putin und Merkel usw. Dialogfähigkeit setzt aber auch voraus, einen klaren eigenen Standpunkt zu haben. Die Strategie, Putin nicht zu kritisieren, um einen Dialog zu ermöglichen, wird jedenfalls scheitern. Friedensbewegte Kräfte machen sich unglaubwürdig, wenn stets nur die kriegstreibenden Kräfte des Westens und ihre Handlanger in der ukrainischen Staatsmacht kritisiert werden. Die friedenspolitische Zukunft Europas liegt in einer Ukraine, das als Brücke zwischen Ost und West fungiert, einem Land, in der die ethnischen, kulturellen und religiösen Unterschiede gleichberechtigt akzeptiert werden und als Bereicherung in einer ukrainischer Nation gelebt und erfahren werden.

Nein zur EU-Armee - Ja zur Neutralität



Neutralität pflegen, statt in Militärblöcken denken
Mit ihrem geplanten neuen Parteiprogramm will die ÖVP einen militärpolitischen Vorstoß. Österreich solle sich am Aufbau einer EU-Armee beteiligen. Dies widerspricht dem dreifaltigen Kern der neutralitätsrechtlichen Bestimmungen: Keine Beteiligung an Kriegen – für was sonst ist eine EU-Armee da?, keine Mitgliedschaft in Militärbündnissen – und die EU würde dazu mutieren, sowie keine Stationierung fremder Truppen auf heimischem Territorium. Die friedenspolitische Aufgabe Österreichs liegt hingegen in einer Beachtung der Grundsätze einer aktiven Neutralität. Hier gäbe es ein reiches Betätigungsfeld. Österreich als Austragungsort für Friedenskonferenzen, gut ausgebildete österreichische Friedensfachkräfte, die in Krisengebieten eingesetzt werden können, eine Nation, die ein Signal gibt, dass der Frieden in der Welt nicht mit militärischer Aufrüstung und schlagkräftigen Armeen gleichgesetzt werden kann.
Dr. Klaus Heidegger, 6067 Absam, klaus.heidegger@aon.at

Sonntag, 8. März 2015

Frauen - Religion und Kirche - Frauentag 2015



Frauen – Religion und Kirche –
ein Beitrag zum Frauentag 2015 für den Religionsunterricht
von Klaus Heidegger
Abwertung der Natur – Abwertung der Frauen
Die Ausgangsthese lautet, dass die Abwertung von Frauen in den Kirchen, die sich in der römisch-katholischen Kirche vor allem im Ausschluss der Frauen von den Weiheämtern äußert, wesentlich biologistische Ursachen hat, das heißt mit einer Ablehnung bzw. Verdrängung weiblicher Sexualität in Verbindung gebracht werden muss. Die Verdrängung des Sexuellen wurde im Laufe der Jahrhunderte auch zur Abgrenzung von der Natur. Kultur wurde mit dem Männlichen assoziiert, während Frauen mit der Natur in Verbindung gebracht wurden. Die Abwertung der Natur führt zur Abwertung der Frauen. Diese Genderrolle hängt wesentlich mit den (natürlichen) Aktivitäten von Frauen zusammen: dem Gebären, dem Stillen, der Nahrungsversorgung. Der Körper der Frauen wurde zum Eigentum der Männer und in ihre Kontrollgewalt gegeben. Die Monatsblutungen der Frauen galten als unrein, was wiederum bereits im orthodoxen Judentum zu einem Ausschluss der Frauen von Tempeldiensten führte und sie an bestimmten Tagen überhaupt mit einem Berührungsverbot belegte. Große philosophische Strömungen der griechisch-römischen Antike, wie die Stoa, prägten dann auch die Vorstellungen christlicher Theologen in den ersten Jahrhunderten des Christentums. Dies gipfelt in Aussprüchen von der Frau als „missglücktem Mann“, so der Kirchenvater Thomas von Aquin, oder im Diktum von Augustinus „Das Weib ist ein minderwertiges Wesen, das von Gott nicht als sein Ebenbild geschaffen wurde.“ Im Mittelalter wurden Frauen zunächst als sexuelle Gefahr für die Männer gesehen. Die klerikale Misogynie war wesentlich beteiligt an den Hexenjagden, in denen vom 14. bis zum 17. Jahrhundert mindestens eine Million Frauen grausam umgebracht wurden.
Jüdisch-christliche Wurzeln sind nicht leibfeindlich
Demgegenüber ist in den Wurzeln des jüdisch-christlichen Denkens keine Abwertung der Sexualität und damit auch keine sexistisch motivierte Abwertung der Frau zu finden. Im Gegenteil: Schon im ersten Schöpfungsbericht heißt es von allem Geschaffenen, von der gesamten Natur und auch von der Sexualität: „es war sehr gut“. Es finden sich Texte wie das „Hohe Lied der Liebe“, in dem unbefangen von der erotischen Liebe zweier Menschen geschrieben wird. Schließlich erweist sich vor allem Jesus als „Freund der Frauen, der erste und fast schon zugleich der letzte Freund der Frauen in der Kirche“[1], in dessen Jüngerschaft Frauen waren, die heute wohl als „Emanzen“ diffamiert würden.
Feministische Theologie
Auf diese Ursprünge konnte sich ab den 1970er-Jahren die feministische Theologie beziehen, die sich aus theologisch-religiösen Gründen für eine Befreiung der Frauen in Gesellschaft, Wirtschaft und auch Kirche einsetzte. Zu den markanten Forderungen zählte beispielsweise die Zulassung der Frauen zu allen kirchlichen Ämtern. 40 Jahre später ist in der katholischen Kirche diese Forderung weiterhin unerfüllt geblieben. Selbst der reformfreudige Papst Franziskus denkt noch nicht daran, den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt aufzuheben. In seiner ersten Enzyklika (Evangelii Gaudium, Dezember 2013) beharrte er auf dem alten Satz, nur Männer könnten Priester werden. Auch der Zölibat, der durchaus auf mehrfache Weise mit Verdrängung der Sexualität in Verbindung gebracht werden kann und der mit verursacht, dass im Laufe der Jahrhunderte Frauen als „Gefahr“ für die Kleriker gesehen wurden, bleibt weiterhin bestehen.
Demgegenüber ist in anderen christlichen Kirchen die Ordination von Frauen zu Pfarrerinnen und auch die Wahl von Bischöfinnen bereits gängiger Usus. Erst vor wenigen Wochen (Jänner 2015) wurde in der Church of England Libby Lane zur Bischöfin geweiht. In vielen Bereichen haben Frauen aber auch in der katholischen Kirche wichtige Positionen eingenommen, die früher klerikalen Männern vorbehalten waren – so beispielsweise die Seelsorgeamtsleiterin der Diözese Innsbruck. Freilich geht es nicht darum, den Grundfehler des überholten Patriarchats zu wiederholen, dass die Besetzungen von Positionen geschlechtsabhängig sind und dass Veränderungen auf der Ebene von Dominanz und Exklusion angestrebt werden. Im kirchlichen Kontext ist immer wieder das Bemühen sichtbar nach Gendergerechtigkeit auch in der Liturgie und der Verkündigung. Gender-Mainstreaming ist in manchen kirchlichen Bereichen bereits mehr akzeptiert als in der Gesellschaft im Allgemeinen. Und dennoch: Ein Stück Wahrheit liegt im Protest der Femen-Demonstrantin, die am Weihnachtsabend 2013 im Kölner Dom mit entblößter Brust auf den Altar sprang und dort lauthals die Unterdrückung der Frauen in der Kirche anprangerte. Wenn wir allerdings daran denken, dass auch in der Politik und in der Gesellschaft viele Ämter erst Mitte des vorigen Jahrhunderts von Frauen besetzt wurden, dann ist die Kirche zwar „rückständig“, doch mit einem Abstand, der noch Hoffnung gibt.
Protoypische Gestalt Maria Magdalena
Abschließend sei noch auf die Säulenheilige des Christentums verwiesen. An dieser Gestalt bündelt sich alles, was wir mit Verdrängung des Sexuellen und zugleich mit Befreiung der Frau verbinden können. Maria Magdalena, sie wurde sowohl als Apostolin und Jüngerin Jesu gewertet, zugleich aber auch im Laufe der Jahrhunderte stets über ihre Sexualität als Hure, Frau, Geliebte oder Gefährtin Jesu gesehen. Maria Magdalena ist die am häufigsten vorkommende Frau im Neuen Testament. Das ist allein schon erwähnenswert, da die Religionen meist von Männern dominiert worden sind. Maria Magdalena repräsentiert die weibliche Seite der Religion; sie beweist Mut und Stärke in den Erzählungen der Bibel. Zugleich diente Maria immer auch als Projektionsfläche für männliche (Sexualitäts-)Phantasien. In der Kunst wurde sie vielfach zur reumütigen Hure mit den roten Haaren. Ein sexuell-positiv aufgeladenes Bild erhielt sie etwa im Musical von Jesus Christ Superstar von Andrew Lloyd Webber oder auch im Megabestseller „The Da Vinci Code“ von Dan Brown. In diesen letzteren Fällen wird deutlich, wie eine positiv verstandene Sexualität, die integriert ist in eine Liebesgeschichte, auch zur Befreiung der männlichen Partner beitragen kann. Die Frau – Maria Magdalena – ist nicht mehr länger die teuflische Verführerin, sondern Partnerin im Erlösungsprozess. Frauen – insbesondere in den katholischen Frauenorden – haben sich immer wieder ein Vorbild an dieser Maria von Magdala genommen. Als Beispiel dafür gelten auch die Beginen.
In einem Text einer feministischen Theologin, Luzia Sutter Rehmann, wird deutlich, wie heute schon im Bereich der Kirche Emanzipation und Befreiung gelingen kann. Es bedeutet die eschatologische Spannung des Reiches Gottes, als Wirklichkeit, die schon da ist und deren Erfüllung noch aussteht, zu leben: „Wir sind auf der Suche nach der Kraft, die uns aus den Häusern, aus den zu engen Schuhen und aus den Gräbern treibt. Aufstehen und mich dem Leben in die Arme werfen –nicht erst am jüngsten Tag, nicht erst, wenn es nichts mehr kostet und niemandem mehr wehtut. Sich ausstrecken nach allem, was noch aussteht, und nicht nur nach dem Zugebilligten. Uns erwartet das Leben. Wann, wenn nicht jetzt?“[2]
Literaturangaben:
Brown Dan (2006): Sakrileg, Bergisch-Gladbach. Daly Mary (1990): Gyn-Ecology: The Metaphysics of Radical Feminism, Boston: Beacon Press.Ranke-Heinemann Uta (1988): Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität, Hamburg: Hoffmann und Campe.Ruether Rosemary (1985): Sexismus und die Rede von Gott. Schritte zu einer anderen Theologie, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. Schottroff Luise, Schroer Silvia, Wacker Marie-Theres (1995): Feministische Exegese. Forschungserträge zur Bibel aus der Perspektive von Frauen, Darmstadt.


[1] Ranke-Heinemann Uta (1988): Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität, Hamburg: Hoffmann und Campe, 125.