Dienstag, 13. Januar 2015

Je suis Charlie - der gewaltfreie und sanftmütige Islam



Von der gewaltfreien und sanftmütigen Mitte des Islam
1.    Terror im Namen des Islam ist Blasphemie
"Die Attentäter von Paris sind Kriminelle ... keine Muslime", "...die Wesenseigenschaft des Islam ist die Sanftmut"[1] - so der führende Imam aus Paris, Chabbar Taieb. Was in Paris durch die Terroristen geschah, das ist tiefste Gottlosigkeit, das ist tiefste Unkenntnis vom Wesen des Islam und seinem Glauben an die Allbarmherzigkeit Gottes. Nicht der Glaube an Gott ist bei den Gräueln der Geschichte, bei den Kreuzzügen, den Konfessionskriegen, bei den Gräueln des Islamischen Staates, der Shabab-Milizen in Somalia, der Al-Kaida oder von Boko Haram heute Ursache für die unermesslichen Grausamkeiten, sondern der Unglaube an die Kraft des Göttlichen in den Menschen und in der Welt, die eine Kraft der Liebe, der Vergebung, der Barmherzigkeit und der Sanftmut ist. Dort, wo mit Berufung auf den Namen Gottes gemordet wird, dort wird der Name Gottes missbraucht. Das jüdisch-christlich-muslimische Grundgebot, „du wirst nicht morden!“, hängt vom Wesen dieser drei Religionen mit dem Grundgebot der Gottesliebe und der Heiligung seines Namens zusammen.
2.    Einhellige Verurteilung des Terrors im Namen des Islam
Mit Ausnahme der terroristischen Organisationen, die sich auf den Islam berufen, haben weltweit alle führenden islamischen Repräsentanten und Organisationen einhellig und unmissverständlich die Terroraktionen gegen Charlie Hebdo verurteilt. Der gemeinsame Nenner in der islamischen Welt gegenüber dem islamistischen Terror lautet: „Nicht in unserem Namen!“ „Nicht im Namen Gottes!“
Die Staatsspitze der Türkei, ein Land, das durch seine Politik wesentlich mit dem Islam verknüpft ist, distanzierte sich eindeutig. Staatspräsident Erdogan: "Terrorismus hat keine Religion oder Nationalität, und keine Entschuldigung kann dafür gegeben werden".[2] Der türkische Außenminister: "Der Islam ist eine Religion des Friedens, und es ist nicht richtig, ihn mit Terrorismus in Verbindung zu bringen.“[3]
In diesen Stellungnahmen gibt es keine Rechtfertigungsversuche im Stile von Charlie Hebdo hätte sich in ihrem Stil vergriffen und sie hätten mit ihren religionskritischen Satiren die Wut zu Recht auf sich gezogen. Selbst extreme islamische Richtungen distanzierten sich von den Paris-Attentaten. Der Hisbolla-Führer wurde mit den Worten zitiert: „Die Extremisten schaden dem Islam mehr als die Karikaturen.“

3.    Die Feinde des Islam, Kriegstreiber und Angstmacher
Islamfeindliche Kräfte in Europa sehen sich durch die Terroranschläge gegenüber Charlie Hebdo bestätigt. Ob Marine le Pen in Frankreich, die PEGIDA-Bewegung in Deutschland – mit ihren blauen Ablegern in Österreich – oder die FPÖ in Österreich: Die islamistischen Anschläge in Paris werden offen oder sublim mit dem Wesen des Islam in Verbindung gebracht.
So schreibt der FP-EU-Abgeordnete Harald Vilimsky unter dem Titel „Ihr-seid-nicht-Charlie“ gegen die Menschen, die sich unter dem Motto „Je suis Charlie“ nun zu Hunderttausenden solidarisieren: „Islamismus hat mit Islam nichts zu tun, schreibt ihr. Ja, denn Alkoholismus braucht ja schließlich auch keinen Alkohol, oder? … Gerade ihr Linken habt die Aufklärung verraten an eine Religion, deren Anhänger damit zu oft nichts zu tun haben wollen.“[4]

4.    Nous sommes Charlie – Christen und Muslime, Kirchen und Moscheen vereint
Die Reaktion auf die Terrorattentate gegen Charie Hebdo hat die demokratischen und vernünftigen Kräfte in diesem Europa geeint. Auch die Repräsentanten der Religionsgemeinschaften traten gemeinsam auf, standen Seite an Seite bei Veranstaltungen mit Hunderttausenden der Zivilgesellschaft unter dem Zeichen „nous sommes Charlie“. Die Gewalt hat nicht das letzte Wort.
Der religiöse Zentralbegriff, der weltweit spürbar wurde, lautet Auferstehung. In der Welt der Karikaturisten wird dies so dargestellt: Ein Bleistift wird durch ein Maschinengewehr in zwei Hälften geteilt. Nun ist die Kraft von zwei Bleistiften da.

5.    Antwort auf Gewalt ist nicht Gewalt
In den Kundgebungen, Karikaturen und Berichten wurde ausgedrückt und dargestellt, dass die Antwort auf Gewalt nicht ein Noch-mehr-Gewalt sein kann. Wie in diesen Karikaturen dargestellt, liegt die Antwort auf den Terror im Festhalten an den zentralen Werten der Meinungsfreiheit und der Solidarität.
„Marianne 2015“ ist nicht mehr wie die berühmte Vorlage im Gemälde von Eugène Delacroix und seinem Gemälde für die Julirevolution 1830. Die barbusige Frau, die zu einem Nationalsymbol Frankreichs wurde, hält in der linken Hand nicht mehr ein Schießgewehr mit aufgesetztem Bajonett. In den Karikaturen der „Je-suis-Charlie“-Bewegung hält sie in ihrer Linken einen Karikaturstift.
Damit soll nicht ausgedrückt werden, dass Worte, Karikaturen oder Satiren Waffen sind, mit denen andere verletzt werden könnten – im Gegenteil: Worte können zur Kommunikation beitragen, können die herkömmlichen Waffen überflüssig machen. Worte zählen zur „Waffenrüstung“ Gottes, von denen der Apostel Paulus im Epheserbrief spricht.

6.    Die bleibende Frage: Der Islam und der Frieden
Hinter der großen Solidarität der „Je-suis-Charlie“-Bewegung bleibt, so habe ich bei vielen Gesprächen der letzten Tage entdeckt, dennoch der Vorbehalt, ob Anschläge wie jene von Paris, ob das Morden des Islamischen Staates in Syrien, von Boko-Haram oder der Shabab-Mililzen in Afrika nicht doch mit DEM ISLAM in Verbindung gebracht werden müssen. Ich würde zu „positivistisch“ denken, so eine Reaktion auf ein Posting von mir, in dem ich Islam mit Sanftmut in Verbindung brachte. Mehrmals wurden bei einer österreichweiten katholischen Tagung in der letzten Woche von den Referenten Bemerkungen wie jene eingebaut: Wir Christen glauben an Jesus Christus und seinen Gewaltverzicht, was vor allem durch die Torheit des Sterbens Jesu am Kreuz zum Ausdruck gekommen sei, etwas, was von den Muslimen abgelehnt würde – oder, um es direkter zu formulieren, etwas, das die Muslime nicht verstehen würden. Hier aber läge letztlich der Schlüssel zum Gewaltverzicht. Und in einer der führenden katholischen Wochenzeitschriften, „Christ in der Gegegenwart“, wurde in dem Leitkommentar kurz vor dem Weihnachtsfest Jesus mit dem Propheten Muhammad wie folgt verglichen: „Jesus Christus war ein gewaltfreier, herrschaftskritischer Religionsstifter. Er war kein Kriegsherr und kein Kriegstreiber wie Mohammed. Der Geburtsfehler des Islam liegt in seiner Gründungsfigur, seinem ‚Propheten‘. Das Christentum als von der Wurzel her selbstkritische und herrschaftskritische Religion ist – wie seine (Befreiungs-)Theologie beweist – geistig im Jahr 2014 angekommen, der Islam in breitesten Teilen nicht. Für Letzteres gibt es keine historische Entschuldigung mehr.“[5]
Daher mein Bemühen, aus meiner „christlichen“ Sicht den Islam als friedliche Religion zu begreifen.
a)   Islam ist Unterwerfung unter den Willen eines barmherzigen Gottes
Ein Muslim bzw. eine Muslima - die sich an Allah richtet – wendet sich in ihrem Glauben an jenen Gott, zu dem auch ein Christ eine Beziehung hat. Daraus folgt: Wenn mein Gott auch Allah ist, dann kann aus meiner christlichen "Unterwerfung" unter Gott - wenn sie von Gott geleitet ist - doch nichts Anderes herauskommen, wie wenn sich Muslime ihrem Gott unterwerfen. Beide sind gleich! Das ist mein Grundansatz, aus dem dann konsequent logisch gefolgert werden kann: Wenn der barmherzige Abba-Gott Jesu Christi Feindesliebe und Gewaltverzicht fordert, so kann der Allah-Gott Mohammeds doch letztlich nicht etwas anderes fordern, es sei denn, dieser Gott leidet an ausgeprägter Schizophrenie. Das gilt in gleicher Weise zumindest auch für das Judentum - meines Erachtens aber für jede Religion.
Es gilt also die Formel: Islam = Unterwerfung unter Gott = Unterwerfung unter den Gott der Liebe und Gewaltfreiheit.
b)   Jesus als Prophet und damit Vorbild im Islam
Zuwenig wird meist bedacht, dass für die Muslime auch Jesus als Prophet und damit als Vorbild im Glauben gilt. Damit freilich, so der einfache logische Schluss, ist auch Jesus mit seiner klaren Gewaltverzichtsstrategie und seiner Feindesliebe Vorbild im Glauben.
c)   Gewaltfreie Aspekte im Leben des Propheten Muhammad
Ein Muslim oder eine Muslima orientiert sich am Leben des Propheten Muhammad. Wenn er wirklich ein "Gesandter Gottes" ist, dann müsste er - in Fortsetzung des zuvor genannten Arguments vom gewaltfreien Gott - auch ein Gesandter der Gewaltfreiheit sein. Damit ergibt sich freilich das Problem der Interpretation des Lebens des Propheten Mohammed. Hier ergeben sich zwei unterschiedliche Interpretationsmuster.
Wer dem Islam eine inhärente aggressive und kriegerische Eigenschaft zuschreibt, beschreibt das Leben des Propheten als Feldherr, seine Niederlagen und Siege in den bewaffneten Auseinandersetzungen,  oder erwähnt beispielsweise, dass der Prophet einmal den Befehl gegeben hätte, 600 Gegner zu töten. Dem könnte nun das pazifistische Auftreten des Jesus von Nazaret entgegengehalten werden, und schwupps: schon wird wieder die Fahne der Überlegenheit des Christlichen emporgehalten.
Ist aber nicht auch eine vorsichtigere Interpretation des historischen Muhammad möglich, in der die friedensliebende Seite des "Gesandten Gottes" entdeckt werden könnte? Das Anliegen des Propheten war nicht der Kampf, sondern die Hinführung der Menschen zu Gott und einem gottesfürchtigen Leben. Hier schließt sich der Kreis zum erstgenannten Argument. Bekannt aus der Frühgeschichte des Propheten ist seine Fähigkeit, bei Streitigkeiten zu schlichten. Zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen kam es erst aufgrund der Verfolgungssituation des Propheten und seiner Gemeinde. Immer wieder versuchte der Prophet Frieden zu stiften und sich mit den Mekkanern zu versöhnen. Als Muhammed mit einem großen Heer um 630 nach Mekka zog, fiel die Stadt letztlich ohne Schwertstreich. Der Prophet Muhammed bot den Mekkanern sofort Versöhnung an und verzichtete sogar auf die Besitztümer, die sie zuvor weggenommen hatten. In den 10 Kriegsjahren - so wird geschätzt - hatten die Nicht-Muslime nicht mehr als 250 Tote zu beklagen."
d)   Friedensbotschaften im Koran
Um die aggressiven Absichten des Koran aufzudecken, wird zumeist mit dem so genannten "Schwertvers", der Sure 9, argumentiert, die den Kampf gegen die Feinde vorschreibt. Solche und ähnliche Stellen werden zum "Totschlagargument", wenn sie: einseitig aus dem Zusammenhang gerissen und für allgemeingültig betrachtet werden, ohne sie einer Korrektur durch die friedlichen Stellen zu unterziehen und ohne die geschichtlichen Umstände sowie die dahinter stehenden Anliegen ins Kalkül zu nehmen. Tatsächlich muss der der Koran als Chronik der Ereignisse in Arabien während der islamischen Religionsstiftung gelesen werden. Wegen dieser wechselvollen Zeit kann man vom Koran kein konsistentes Konzept zur Bestimmung von Frieden und Krieg erhalten. Historisch gesehen ist es kein Widerspruch, dass es im Koran Verse gibt, die zum Frieden aufrufen, wie auch solche, die nach Krieg rufen. Der Koran ist in gewisser Hinsicht ein arabisches Geschichtsbuch der Jahre 610-632. Alle Koranpassagen, die aus der Zeit vor der Hidjra (622) stammen - also aus der Mekka-Epoche - enthalten keine Aufrufe oder Bestimmungen zum Krieg.
Der Koran enthält viele Stellen, die heute als friedliche Gesprächsstrategie tituliert werden könnten. Es heißt beispielsweise: "Ruf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Art." (16,125) "Es ist nicht deine Aufgabe, sie rechtzuleiten, sondern Gott leitet recht, wen Er will." (2,272) "Und wenn du diejenigen siehst, die auf unsere Zeichen (spottend) eingehen, dann wende dich von ihnen ab, bis sie auf ein anderes Gespräch eingehen." (6,68) "... Gott weiß besser, was ihr tut. Gott wird am Tag der Auferstehung zwischen euch über das urteilen, worüber ihr uneins wart." (22,67-69) Für das Verhalten der muslimischen Gemeinschaft bedeutet dies, dass sie den so genannten "Ungläubigen" mit Milde entgegenkommen sollten und nicht als gnadenlose Richter. Der Gewaltausübung werden im Koran klare Vorschriften und enge Grenzen gesetzt. Sie haben das Ziel, nicht Gewalt zu legitimieren, sondern Gerechtigkeit und Frieden durch eine Eindämmung von Gewalt zu erreichen. Zwei Beispiele mögen an dieser Stelle genügen: "Wenn jemand einen tötet, ... so ist es, als hätte er alle Menschen getötet. Und wenn ihn jemand am Leben erhält, so ist es, als hätte er alle Menschen am Leben erhalten." (5,31) "...wenn die Gegner sich dem Frieden zuneigen, dann neige auch du dich ihm zu und vertrau auf Gott. Er ist der, der alles hört und weiß: Und wenn sie dich betrügen wollen, dann genügt dir Gott." (8,61.62)
e)   Islamische Friedenstheorie
Eine islamische Friedenstheorie beginnt schon mit der Achtsamkeit in der Sprache. Djihad bedeutet demnach nicht "Krieg", sondern "Anstrengung". Nicht von ungefähr gibt es im Arabischen ein anderes Wort für Krieg (Harb) und bewaffnete Auseinandersetzung (Qital). Djihad muss deswegen als die "Heilige Anstrengung" bezeichnet werden - und kann als Eintreten für die Sache Gottes gewertet werden, sprich: für Frieden und Gerechtigkeit.
Als Friedensbewegte können wir heute zuversichtlich den Blick auf jene Bewegungen und Personen richten, die eine pazifistische und gewaltfreie Interpretation des Islam leben. In den Tagen nach dem Attentat von Paris haben sich Millionen von Muslimen und deren Repräsentanten eindrucksvoll gegen den Terror islamistischer Kräfte gerichtet. Auch wenn sich Muslime durch die Satiren von Charlie Hebdo in den vergangenen Jahren so oft beleidigt gefühlt hatten, weil in vielen Darstellungen der Islam als Religion gewaltverherrlichend karikiert wurde, so haben sie sich jetzt in der „Nous-sommes-Charlie“-Bewegung Seite an Seite mit allen demokratischen Kräften wieder gefunden und zeugen von einem Islam, der nicht die Gewalt, sondern den Frieden will. Islam ist Salam.
Dr. Klaus Heidegger, klaus.heidegger@aon.at, 11.1.2015


[1] Tiroler Tageszeitung, 10.1.2015,1.
[3] Ebd.
[5] Christ in der Gegenwart, Nr.51, 21.12.2014,1.

Montag, 5. Januar 2015

Flüchtlinge in Tirol und ihre Ablehnung, Beispiel Weerberg



„Oh nein, oh nein, das kann nicht sein, ihr kommt nicht rein …“
Eine Headline in der Tageszeitung vom 5.1.2014, der Tag an dem die Sternsinger hierzulande als fremde Könige verkleidet von Haus zu Haus gehen – ja, ein Schwarzer ist auch dabei! – lautet: „90 Asylwerber für Weerberg erzürnen die Bevölkerung“. Bei einer Gemeindeversammlung hätten sich die Anwesenden gegen den Plan von Landesrätin Christine Baur ausgesprochen, in dem ehemaligen Hotel eine größere Zahl von Flüchtlingen unterzubringen. In der Gemeinde gäbe es eine „Antipathie“ gegen die Asylwerber. Offensichtlich haben Tiroler FP-Mandatare die Chance in Weerberg genützt, um von außen Stimmung gegen die Flüchtlinge zu machen. LAbg. Edi Rieger und LAbg Hildegard Schwaiger hatten bereits in den Monaten davor mit unseriösen Behauptungen Stimmungen geschürt. Es gäbe, so die beiden in einer Aussendung, in Tirol ohnehin genügend Plätze für Flüchtlinge, wenn die hohe Zahl von „kriminellen Asylwerbern, Wirtschaftsflüchtlingen und Scheinasylanten“ abgeschoben würde.
Im Weltteil derselben Zeitung stehen dann wieder jene Berichte von Flüchtlingstragödien auf dem Mittelmeer und von 5000 Flüchtlingen, die allein am Brenner im vergangenen Jahr zurückgeschickt worden sind. Derzeit würden rund 100 Flüchtlinge täglich in Österreich um Asyl ansuchen. Das geplante Flüchtlingsheim am Weerberg wäre zu klein für die Tagesgröße! In den letzten Wochen mussten in Österreich beispielsweise Turnsäle für Flüchtlingsunterkünfte verwendet werden.
Es ist zu hoffen, dass die Bevölkerung von Weerberg mehr auf die Worte und Taten von Papst Franziskus hört als auf die asylwerberfeindlichen Untertöne. Einen Tag zuvor hatte der Papst mit der Ernennung von "Migrantenbischof" Francesco Montenegro zum neuen Kardinal ein weiteres deutliches Zeichen gesetzt, wo die Prioritäten der Kirche heute liegen. So wie Bischof Montenegro sich auf Lampedusa für die Flüchtlinge einsetzte, so soll Kirche sein! Es gilt auch für die Kirche von Weerberg.

Dr. Klaus Heidegger, klaus.heidegger@aon.at , 6067 Absam, Bachgasse 10, 5.1.2015

Freitag, 2. Januar 2015

Der gewalttätige Mose und sein rachsüchtiger Gott: Exodus: Von Göttern und Königen - die Hollywood-Interpretation



Mose als Vorbild für Batman und Co oder:
Exodus im Stil von Hollywood –
Theologische und friedenspolitische Reflexionen zum Film
„Exodus: Von Göttern und Königen“
von Klaus Heidegger

Nach den Weihnachtsferien werde ich bestimmt von etlichen meiner Schüler und Schülerinnen gefragt werden: „Herr Professor, haben Sie auch den Film gesehen …?“ „Was halten Sie davon …?“ „Steht es wirklich so in der Bibel …?“ „Können wir wirklich an einen solchen Gott glauben…?“ Als Religionslehrer freue ich mich über solche Fragen, öffnen sie doch eine Tür, um mit Jugendlichen Gespräche über eines der zentralsten religiösen Ereignisse zu führen, um die Qualität biblischer Dichtungen zu erörtern und vor allem um die Frage nach Gott und des Umgangs mit der Gewalt. Ich habe solchen Fragen vorgesorgt: Den Film – ein Weihnachtsgeschenk – habe ich gesehen und entsprechend schriftlich aufgearbeitet. Die nächsten Religionsstunden können kommen.

Gewalt-Orgien in 3D
Regisseur Ridley Scott und sein Team konnten in ihrer Exodus-Verfilmung ein Sammelsurium von Gewaltphantasien in dreidimensionaler Qualität verwirklichen. Von bluttriefenden Schlachten, permanenten Erhängungen hebräischer Sklavenfamilien, Schwertern, die sich durch blutspritzende Leiber bohren, Krokodilen, die Menschen verschlingen und dabei den Nil rot vom Blut werden lassen, bis zu einer Monsterwelle, die das Heer des Pharao zermalmt. Wie verhält sich dieser Film zur biblischen Vorlage im 2. Buch Mose?

Gewaltvoyeurismus statt Aufdecken von Gewalt
Tatsächlich versuchen die biblischen Schriften stets, die Gewaltstrukturen aufzudecken und zu kritisieren und zugleich Wege aus den Gewaltdynamiken zu finden. In drastischer Sprache stellt die Bibel dar, was Menschen an Grausamkeiten im Umgang miteinander und gegeneinander zustande bringen. Ein erster Schritt zur Aufdeckung von Gewalt besteht darin, sie nicht zu leugnen. Biblische Texte halten uns einen Spiegel vor, wie gewalttätig wir Menschen sein können, wie gewalttätige Aktionen entstehen, wie sie verlaufen und wie sie ausgehen. Biblische Erzählungen wie jene vom Exodus decken Gewalt und Gewaltstrukturen tiefgründig auf.
Im jüngsten Film aus den US-amerikanischen Studios geschieht jedoch das Gegenteil: Gewalt an sich wird nicht problematisiert, sondern letztlich als Mittel der Befreiung legitimiert. Die szenischen Darstellungen erstochener, erschlagener, zerbissener, ertränkter Menschen können einem Gewalt-Voyeurismus huldigen, nicht jedoch abschreckend oder aufklärend wirken.
Die Darstellung des Pharao-Systems in Scotts Exodus-Verfilmung kann noch in einer gewissen Weise als stimmig mit der biblischen und historischen Vorlage gewertet werden. Das Volk der Hebräer und Hebräerinnen rief ihren Gott um Hilfe an angesichts der Unterdrückung. Inmitten des ägyptischen Reiches wurden sie zu Sklaven und Sklavinnen, zu Sündenböcken, zu Opfern einer rassistischen Gewaltpolitik. Das Herrschaftssystem der Ramses-Dynastie, dessen Gewalt durch Monsterbauten versinnbildlicht wurde, verlangte nach Opfern. Ausbeutung von Arbeitskräften, politische Unterdrückung, Rassismus, Sündenbockstrukturen, Anwendung von Gewalt gegenüber den Schwachen – es sind Mechanismen, die nach 3200 Jahren auch heute noch an vielen Orten und in vielen Ländern dieser Welt vorherrschen.

Mimesis – vom blutigen Streit zwischen „Brüdern“
Schon die Filmplakate zeigen die Grundstruktur des Filmes. Sie durchzieht sich als typischer Mimesis-Konflikt im Streit zweier völlig ungleicher Brüder. Der Pharao-Nachfolger und leibliche Sohn von Ramses auf der einen Seite. Neidisch blickt er auf die Erfolge von Mose. Immer wieder betont er, dass er von seinem Vater nicht geliebt worden sei. Als neuer Pharao beginnt sein Versuch, Mose zu eliminieren. Der heldenhaft Gute gegen den grausamen Despoten: Das ist Hollywood-Kino. Das ist nicht Bibel. Was gut und was böse ist, lässt sich so leicht unterscheiden wie die US-amerikanische Dichotomie von den der guten Supermacht USA einerseits und den Schurkenstaaten andererseits.

Der gewaltfreie Faden des Exodus
Ridley Scott beginnt seine Mose-Verfilmung allerdings nicht, wie etwa der geniale Zeichentrickfilm „The Prince of Egypt“, mit der Geburt des Mose und seiner Rettung durch mutige Frauen. In der Bibel beginnt in dieser Phase bereits die gewaltfreie Grammatik eines Gottes, den das Volk der Israeliten und Israelitinnen in ihrer Exodus-Erfahrung mehr und mehr kennen lernen darf. Scott will in seinem Film diesen gewaltfrei-widerständischen Faden gar nicht aufgreifen, weil er so gar nicht zu seinem Gewalt-Mose und dessen Gewalt-Gott passt.
Dann nämlich hätte er mit den zwei in der Bibel namentlich genannten Hebammen beginnen müssen. Von Schiphra und Pua heißt es zu Beginn der Exodus-Geschichte ganz in der Tradition des gewaltfreien Widerstands und der Methode der Nonkooperation bzw. der Verweigerung von ungerechten Befehlen: „Aber die beiden Hebammen verehrten Gott und taten nicht das, was der ägyptische König ihnen gesagt hatte.“ (Ex 1,17) Es sind kluge, schlagfertige und listige Frauen. Und weil sie so sind, heißt es schließlich: „Deshalb ließ Gott es den Hebammen gut gehen.“ Dieser Widerstand setzt sich fort in der Mutter des Mose, die ihren Neugeborenen drei Monate versteckt hielt, um ihn nicht den ägyptischen Soldaten auszuliefern, die ihn hätten töten müssen. Ihre Tochter Mirjam hilft ihr beim Plan, Mose zu retten. Als fünfte Frau, die am Beginn dieser Rettungskette steht, tritt schließlich die Pharaonentochter auf. Sie findet den hebräischen Jungen im Binsenkorb. Sie wird von Mirjam geschickt „hintergangen“, damit Klein-Mose von seiner Mutter gestillt werden kann. Frauen übernehmen über alle ethnischen und sozialen Grenzen hinweg ihren Platz im Befreiungswerk ein.
Mirjam, die Schwester des Mose, spielt in der biblischen Geschichte vom Exodus weiterhin eine zentrale Rolle. Mit Mose und Aaron zählt sie zu den drei großen Befreiungsgestalten, die Israel aus der ägyptischen Unterdrückung herausgeführt haben. Mirjam hat auch die Courage dann Kritik zu üben, als Mose zu autoritär auftritt. Im Buch Numeri wird sie wie folgt zitiert: „Hat Jahwe etwa nur mit Mose geredet? Hat er nicht auch mit uns gesprochen?“ (Num 12,2) Im Scott-Exodus hat Mirjam diese Rolle nicht. Sie erscheint vielmehr als Frau, die den Schutz des Mose braucht, übernimmt aber nicht die Rolle einer Frau, die die Pauke in die Hand nimmt und dem Volk voranzieht (Ex 15,20b.21).
Mose wiederum wird als junger Mann schmerzlich damit konfrontiert, dass seine Gewaltanwendung gegenüber einem ägyptischen Aufseher, der einen hebräischen Sklaven schlägt, der verkehrte Weg ist. Er muss fliehen. Der in Ägypten Fremde kommt nochmals in die Fremde des Landes Midian, wird vom Priester einer fremden Religion aufgenommen, heiratet eine Fremde, und in all dem findet am Berg Horeb die so eindrucksvolle Gottesbegegnung beim brennenden Dornbusch statt. Nie und nimmer jedenfalls ergreift in all diesen Kapiteln im Buch Exodus Mose ein Schwert – wie im Film – oder Pfeil und Bogen – wie im Film, im Gegenteil. Nach seiner Berufung beim Berg Horeb beginnt Mose gemeinsam mit seinem Bruder Aaron in Verhandlungen mit dem ägyptischen König einzutreten. (Ex 5,1.3) Friedensverhandlungen würden wir es heute im Politjargon nennen. Gott hat dem Mose nicht zugesichert, ihm Legionen zu schicken, mit denen er gegen das ägyptische Heer hätte kämpfen können. Ohne Waffen schickt Gott Mose zum Pharao, einzig mit der Zusicherung des Gottesnamens: „Ich bin da, weil ich da bin!“ (Ex 3,14) und den Worten: „Ich stehe dir zur Seite!“ (Ex 3,12)
Bewusst reflektiert muss freilich die Tatsache sein, dass in der biblischen Vorlage Jahwe selbst als Kriegsherr auftritt, der die ägyptischen Feinde grausam niederschlägt.
Jedes Mal zucke ich in der Osternacht zusammen, wenn der Text gelesen wird, dass Gott die pharaonische Streitmacht im Schilfmeer ersaufen lässt. Eine einfache Übersetzungserklärung lautet jedoch so: Ursprünglich hieß es im Mirjamlied: „Singt Jahwe, hocherhaben ist er, Ross und Wagen warf er ins Meer.“ Später jedoch wurde aus „Wagen“ „Reiter“ und damit gehen nicht mehr die kriegerischen Geräte im Schilfmeer unter, sondern Menschen ertrinken. Dies ist aus dem Hebräischen leicht zu erklären, da die hebräischen Wort Reiter und Wagen die gleichen Konsonanten haben, also lediglich ein Vokal Differenz besteht, Vokale wiederum aber nicht geschrieben wurden. Im gewaltfreien Diskurs macht dieser Unterschied jedoch sehr viel aus. So lässt Gott nicht mehr Menschen ertrinken, sondern es bleibt – bildlich gesprochen – die kriegerische Streitmacht im Sumpf stecken. Die kriegerischen Mittel taugen nichts mehr, und so gelingt Befreiung. Nicht durch einen Kampf, sondern indem sich die militärischen Mittel selbst ad absurdum führen. Es sterben nicht Menschen, nicht die Ägypter, sondern das Ägypten der Unterdrückung geht unter! Die Bibel unterscheidet klar zwischen Opfern und Tätern. Erstere werden gerettet! Das ist die gefährliche Erinnerung für die gewalttätigen Herrschenden aller Zeiten. Daher erinnert das Mirjamlied des Exodus an das Magnifikat der Mirjam von Nazareth im Lukasevangelium: „Sie hat Mächtigen von ihren Thronen gestürzt und erhebt die Niedrigen….“ (Lk 1,52)
Dieses Befreiungserlebnis muss immer wieder rückgebunden werden an den Anfang der Exodus-Geschichte, in dem letztlich von einem Genozid die Rede ist, der am hebräischen Volk verübt wird, ähnlich wie heute Jesiden und Christen im Norden des Irak und Syriens von den Terrormilizen des Islamischen Staates massakriert werden. Die Rede ist von Zwangsversklavungen – und wieder gibt es dazu eine Parallele in den Nahen Osten, wo Mädchen und Frauen von islamistischen Terrorgruppen als Sexsklavinnen missbraucht werden.
Der zivilisatorische Fortschritt und Glaubenszuwachs besteht jedoch im Buch Exodus darin, dass nicht mehr die Menschen legitimiert sind, Gewalt anzuwenden, sondern Gewaltanwendung an die Macht Gottes gebunden wird. Dies ist freilich noch nicht jener zärtliche Abba-Gott, von dem dann der neue Mose, Jesus Christus, erzählen wird. Im Buch Exodus geschieht noch jene Projektion menschlicher Gewalt in das Gottesbild hinein. Der Film trägt keinesfalls dazu bei, diese Projektion aufzudecken. Im Gegenteil. Das Bild eines rachsüchtigen, extrem grausamen Gottes wird verfestigt. Jene, die jetzt schon Schwierigkeiten im Glauben haben, werden sich angewidert von einem solchen Gottesbild vom jüdisch-christlichen Glauben abwenden, wenn sie diese Vorlage als Maßstab nehmen.
Der Exodus im jüdisch-christlichen Kontext ist vor allem ein Symbol des Sieges der Schwachen über die Starken, der Unterdrückten über die Herrschenden, der Kleinen über die Großen. Dieses Leitmotiv geht in den Gewaltorgien der neuesten Exodus-Verfilmung fast gänzlich unter. Die biblische Vorlage zeichnet ein Bild von einem völlig wehrlosen hebräischen Barfußvolk, das einer übermächtigen, bestens gerüsteten Streitmacht gegenübersteht. Es kommt in der Bibel zu keiner Niederlage – auch deswegen nicht, weil es zu keiner Schlacht kommt. Wäre diese Lektion in den vergangen drei Jahrtausenden geschichtsmächtig geworden, so wäre der Menschheit unermesslich viel Leid erspart worden!
Die Wahrheit der biblischen Texte liegt nicht in ihrer Historisierung, dem Versuch, den Exodus historisch zu begreifen und darzustellen, sondern in ihrer theologisch-bedeutsamen Sprache. Damit soll nicht geleugnet werden, dass es das Faktum eines befreienden Eingreifens Gottes in unsere Geschichte – verbunden mit dem Handeln der Menschen – gibt und immer wieder geben wird.

Scott-Mose, der gewaltbereite General
Die Produktion aus dem Haus von 20th Century Fox bringt eine Exodus-Interpretation, die in den entscheidendsten Punkten, vor allem der Frage der Gewalt, den theologischen Anliegen des Exodus-Motivs im Judentum-Christentum widerspricht.
Im Film wird Mose immer wieder als „General“ bezeichnet. Er wird als unerschrockener Krieger im Dienst der Eroberungsfeldzüge des Pharaos charakterisiert, jemand, der kaltblütig Widersacher ersticht, und später dann aus den Männern seines Volkes eine Art Guerilla-Armee bildet, die der Übermacht der ägyptischen Streitmacht mit Gegengewalt begegnen wollen. Während der biblische Mose von Jahwe-Gott einen wundersamen Stock erhält, klammert sich Christian Bale alias Mose an sein goldenes Schwert mit funkelnder Klinge, das sich eignet, um Leiber aufzuschlitzen.

Exodus im Mainstream US-amerikanischer Politik
Es ist kein Zufall, dass der Mose-Darsteller Christian Bale zugleich Batman-Darsteller war. Die Gewaltlogik von Batman entspricht der Gewaltlogik der Interpretation von Mose von Ridley Scott. So wie Batman die Verbrecher unermüdlich verfolgt, tritt Mose in die Heroen-Rolle. „Exodus: Von Göttern und Königen“ reiht sich somit ein in die US-Filmindustrie, passt zum Genre der Gewaltspektakel der „Die Hard“-Trilogie über „Universal Soldier“ bis zu Terminator. Die Heroen werden stets – wie der Mose im Scott-Exodus – mit viel körperbetontem Schweiß und Blut in die Szenen geschickt.
Der Umgang mit der biblischen Vorlage ist horrend. Dort, wo sie dem Gewaltmuster entspricht, wird die Bibel als Drehbuch in fundamentalistischer Manier missverstanden, so als gäbe es nicht eine jahrzehntealte historisch-kritische Exegese. Sämtliche archetypischen Bilder werden wortwörtlich genommen. Man konstruiert seltsame Geschichten, um beispielsweise das Rotwerden des Nils zu erklären – Krokodile fressen zuhauf Menschen auf. Gegen Ende des Filmes sitzt Mose auf einem Berg und ritzt mit einem Meißel den Gesetzestext in Steintafeln. Dies erinnert mehr an die satirische Darstellung im Stil von „Das Leben des Brian“, als an eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Fakt, dass der Dekalog für das Volk der Israeliten und Israelitinnen „in Stein gemeißelt“ ist.
Die politisch Mächtigen genauso wie alle gewaltsamen Befreiungsbewegungen können sich nun in ihren Gewalt-Denkmustern religiös bestätigt fühlen. Die Feinde müssen vernichtet werden – so die Devise des Islamischen Staates und Köpfe werden abgeschlagen. Die Feinde vernichten, und wieder geht irgendwo eine Bombe los und zerfetzt Menschen, die als Feinde oder als Freunde der Feinde betrachtet werden. Die ägyptischen Streitwagen sind heute die Drohnen, die ihre Bomben über afghanischen Dörfen abwerfen, die Schwerter von damals sind heute Waffen mit ihrer Potentialität zum Overkill, der die Schlachten von Scotts Exodus alt aussehen lässt. Die Filmsprache Hollywoods, so scheint es, kann sich selbst bei biblischen Stoffen nicht von einer Gewaltfixierung lösen. Gewalt aber – so die Warnung – entsteht vielfach im Kopf.
Auch Gewaltfreiheit kann im Kopf beginnen. Insofern gilt auch die Hoffnung, dass eine kritische Sichtweise des Exodus, eine Interpretation wie sie im Laufe der Jahrhunderte in jüdisch-christlichem Denken immer wieder geschah, dazu beitragen kann, dass die Unterdrückten und Geschundenen dieser Welt heute gewaltfreie Exodus-Erfahrungen machen werden. Wie dies funktioniert, haben Befreiungsbewegungen immer wieder vorgelebt: Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung war gewaltfrei erfolgreich mit ihrem „Let my people go …“ – auch wenn das Land Kanaan in vieler Hinsicht noch nicht erreicht ist. Nelson Mandela war jener Mose, der dem südafrikanischen Volk Hoffnung und Orientierung gab und die Apartheid zum Einsturz brachte. klaus.heidegger@aon.at, 2.1.2015

Dienstag, 30. Dezember 2014

Entdeckung der Unendlichkeit - The Theory of Everything



Postmoderne Gottesfrage im Biopic über Stephen Hawking –
Theologische Reflexionen zum Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“
von Klaus Heidegger

Unendlichkeit und Ewigkeit: physikalisch-religiöse Grammatik
Der deutsche Filmtitel „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ lässt schon erahnen, dass es in der Verfilmung von Stephen Hawkings Leben wesentlich um Schlüsselfragen der Theologie und Philosophie geht. In diesen Disziplinen sind „Unendlichkeit“ bzw. das auf die Zeit bezogene Synonym „Ewigkeit“ Attribute Gottes.
Tatsächlich sind auf sehr einfache und liebevolle Art im Filmskript in die Liebesgeschichte zwischen Stephen Hawking und seiner Frau Jane Wilde theologisch-philosophische Dialoge verwoben. Während der Physiker Hawking zunächst für den naturwissenschaftlichen Zugang zur Frage der Entstehung des Universums steht und er sich seiner Geliebten als Atheist outet, verkörpert seine Frau den geisteswissenschaftlichen Zugang mit Kirchenbindung und Glaube an die Religion. „Ich bin eine CE“, stellt sich Jane am Anfang des Filmes vor. „CE“, so klärt sie auf, steht für Church of England. So kann auch ein erstes Rendezvous zwischen den frisch Verliebten nicht stattfinden, weil Jane sonntags die Kirche besucht. In der Filmsprache spielt der Kirchenraum ein Kontinuum, in den sich selbst der sich zunächst als Atheist deklarierte Physiker Hawking begibt.

Stereotype Geschlechter-Rollenzuweisung
Die Genderfrage – die Rollenzuschreibung für den Mann als erfolgreichen Wissenschaftler, der Erklärungen auf intellektueller Ebene sucht und findet, und die Frau als musisch begabte, pflegende und sich aufopfernde Mutter und Hausfrau – ist sicherlich nicht unproblematisch, wenn sie nicht bewusst reflektiert wird. Die Geschichte von männlicher Geistesgröße und weiblicher Aufopferung kann und darf nicht gesehen werden als Relegitimation jahrhundertealter weiblicher Diskriminierung.

Gott nicht als Lückenbüßer-Gott
In den 123-Filmminuten wird vor allem deutlich, wie die Gottesfrage gelöst wird. Hawking macht im Film zumindest zwei U-Turns: von einer pragmatisch gewählten Distanzierung von Gott, der nicht länger als Lückenbüßer für fehlende naturwissenschaftliche Erkenntnisse über die Erschaffung des Universums verwendet werden darf, bis zum Bekenntnis, dass in einer anderen Dimension es doch so etwas wie Göttliches geben könne.
Gott habe, so eine erste Antwort aus der Sicht der Physik, ausgedient als letzter Grund für die Entstehung des Universums. Gott tritt aus seiner Verursacherrolle für all das, was am Beginn der Zeiten entstanden ist. In diesem Sinne – und nur in diesem Sinne – bleibt Hawking Atheist. Für ihn ist die Welt Produkt physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Es braucht keine göttlichen Kräfte um zu erklären, wie alles entstanden ist. Hier geht Hawking über seinen großen Mentor Isaac Newton hinaus. Am Anfang – zeitlich gesehen was die Entstehung des Universums vor 13,8 Milliarden Jahren betrifft – standen also nicht ein Schöpfergott, sondern physikalische Grundgegebenheiten. Weil es physikalische Gesetzmäßigkeiten wie die Gravitationskraft gibt, kann sich die Welt selbst aus dem Nichts erschaffen.

Gott im zeit-räumlichen Kontinuum
Nach dieser Dekonstruktion fundamentalistisch-religiöser Sichtweisen – wie sie vor  allem im Kreationismus und seinem Einfluss auf das kollektive Bewusstsein zu finden sind – zeigt uns Regisseur James Warsh in eindrucksvollen Bildern und pointierten Dialogen zwischen Stephen und Jane, wo und wie Gott im Zeit-Raum des Universums zu finden ist. Gott steht nicht mehr als Schöpfer, der den Big Bang ausgelöst hat, sondern als jene Kraft und Energie, die in Zeit und Raum hineinwirkt. Schöpfung ist nicht mehr AM Anfang, im Sinne einer Zeitstrecke, sondern stets IM Anfang, also im Sinne einer creatio continua, einer fortdauernden Neuschöpfung. Schöpfung findet je neu im mathematischen Unendlichkeitszeichen statt, das letztlich keinen Anfang und kein Ende kennt, und doch kann jeder Punkt in diesem Zeichen Anfang und Ende sein. Wunderschön versinnbildlicht wird dies im Film, als Stephen und Jane über den ersten Vers des biblischen Schöpfungsberichtes reden „im Anfang erschuf Gott …“. In ihrer beginnenden Liebesbeziehung liegt jene Neuschöpfung und letztlich die zeitlich-räumliche – ständig sich wiederholende – göttliche Schöpferkraft. So wird auch die Qualität biblischer Schöpfungsberichte nicht fundamentalistisch missverstanden, sondern in ihrer bleibenden Wahrheit begriffen. Die Bibel kann nicht wie ein Physikbuch gelesen werden, obwohl in ihr viel Physik enthalten ist und die Aussagen nicht im Widerspruch zur Physik stehen. Die Bibel will ja nicht erklären, woher die Sonne ihre Energie bezieht, sondern wie ist das Verhältnis der Menschen zur Umwelt, zur Mitwelt und zu Gott. So zeigen uns die Schöpfungsberichte nicht, wie die Welt entstanden ist, sondern warum es sich lohnt, die göttlichen Werke zu achten und zu bewahren, ohne ihnen aber Verehrung entgegen zu bringen, da sie doch nur Geschaffenes sind.

Die Erfahrbarkeit Gottes
In der Verbindung von Stephen und Jane, zumindest in der Art und Weise wie dies auf sentimentale und sicherlich mit vielen Klischees gefüllt im Film geschieht, wird eine Dualität aufgehoben, die Naturwissenschaften (science) und Geisteswissenschaften (arts) voneinander trennt. Empirische Erfahrungen von Göttlichem werden Realität. In diesem Sinn ist „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ ein zutiefst weihnachtlicher Film. Die Größe Gottes besteht nicht in seiner allmächtigen Art, am Anfang der Zeiten alles geschaffen zu haben, sondern stets neu und oftmals auf ganz überraschende Weise ihre Wirkkraft zu zeigen. Inkarnation – Gott wird Mensch, das ist das Wunder von Weihnachten, in Jesus von Nazareth spürbar geworden, doch nicht nur im Leben dieses Menschen. In dieser Dimension des Denkens wird „überprüfbar“, ob und wie es Gott gibt, und damit kann Gott vor dem naturwissenschaftliche Axiom standhalten, dass nur jenes Wissen gültig ist, das auch überprüft, beobachtet, gemessen bzw. quantifziert werden kann. Vernunft, die schon der Apostel Paulus in seinen Briefen mit Blick auf die Begründung des Glaubens an Jesus Christus einforderte, steht nicht im Widerspruch zum Glauben. Es heißt nun: Ich glaube, weil ich erkenne, weil ich erfahre, weil Erfahrungen verifizierbar sind. Und nochmals soll aber festgehalten werden: Gott wird nicht dort gesucht, wo das Universum begann, weil es auch logisch nicht sein kann, in der Unendlichkeit und Ewigkeit einen Anfang festzumachen. Gott freilich wird damit nur in einem Hegelschen Sinne aufgehoben. Gott ist aufgehoben in die menschlich-historische Erfahrbarkeit, zugleich aber wird Gott immer das je Größere und Unfassbare bleiben.

Personalität Gottes
Wenn Hawking allerdings glaubt, damit würde sich das Theorem von der Personalität Gottes nicht mehr rechtfertigen lassen, so stimmt dies nicht überein mit jener göttlichen Dimensionalität, die im Film veranschaulicht wird. Personalität wird philosophisch-theologisch definiert als Einheit von Körper-Seele-Geist. Gott ist nicht nur Geist, ist nicht nur Seele, ist nicht nur Körper. Gott wird personal erfahrbar als Körper-Seele-Geist. Menschliche Zuwendung, die sich als roter göttlicher Faden durch den Film zieht, braucht stets alle drei personalen „Bestandteile“, die stets in einer Interaktion und Interdependenz zueinander stehen.

Göttliche Gleichung: Liebe ist Gott, Gott ist Liebe
Hawking sucht unerbittlich nach der Formel, mit der alle Rätsel des Universums gelöst werden können, nach einer Gleichung, der „Theory of Everything“ – so der englische Filmtitel. Im Laufe des Filmes wird deutlich, dass die Gleichung auf einer anderen Ebene gefunden wird. Die biblisch-religiöse Gleichung für alles lautet letztlich: Gott ist Liebe. „Die Liebe“, heißt es im 1. Korintherbrief in der Bibel, „erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand.“ Jane hat diese Gleichung gefunden – gerade auch im entscheidenden Moment, als die Frage im Raum stand, nach einem Luftröhrenschnitt ihren Mann vom Leiden zu erlösen, wie es der Arzt ihr nahe legte.

Implizite Kritik gegenüber „aktiver Sterbehilfe“
In dieser Szene deutet der Film jenen Umgang mit schwerer Krankheit an, der dem beständigen Ruf nach einer Lockerung der Regelungen für „Sterbehilfe“ diametral entgegen steht. In dieser Frage bräuchte es Tausende von Janes, die nicht sofort nach Beendigung des Lebens bei schwerer unheilbarer Krankheit rufen, sondern mit ihrer Geduld und Liebe unheilbar Kranke begleiten. Im Film wird ein Bild von Stephen Hawking „gemalt“, das dem vorschnellen Ruf nach dem, was in der veröffentlichten Meinung unter dem Thema „Sterbehilfe“ diskutiert wird, widerspricht. Genau genommen würde die im Film dargestellte Szene als passive Sterbehilfe auch in Österreich gesetzlich möglich sein.

Menschliche Zuwendungen sind Annäherung an Gott
Eine Szene gegen Ende des Filmes soll hier noch besondere Erwähnung finden. Stephen Hawking spricht mittels Sprachcomputer vor einem vollen Auditorium. Souverän und auf witzige Art beantwortet er die Fragen aus dem Publikum. Da stellt ein Herr die Frage nach Gott. Stephen Hawking überlegt diesmal sehr lange. In der ersten Reihe vor sich im Publikum sieht er, wie einer jungen Frau eine rote Füllfeder zu Boden fällt. In seiner Phantasie steht er nun vom Rollstuhl auf, geht die Treppen des Podiums hinunter, bückt sich vor der Frau und gibt ihr die Füllfeder. Erst nach dieser Phantasiereise beginnt Hawking dann auf die Frage nach Gott einzusteigen. In seiner Phantasie wurde sie beantwortet. Das ist Filmkunst. Bilder, die mehr sagen als viele Worte.